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Donnerstag, 10.03.2011, 14:54
Die Bestsellerautorin Sabine Kügler hat von ihrem fünften bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr mit ihren Eltern und Geschwistern in Papua Neuguinea beim Stamm der Fayu, einem Eingeborenenstamm, gelebt. Ihre Eltern waren Sprachforscher und Missionare, so zu lesen in Sabine Küglers erstem Buch "Dschungelkind", dem noch zwei Bücher zu ihrer bunten Lebensgeschichte folgten: "Ruf des Dschungels" und "Jägerin und Gejagte". Nun kommt der Bestseller „Dschungelkind“ ins Kino, Kinostart 17.2.2011. Anlässlich dazu entstand folgendes Interview:

Deine Gestik und Mimik sind sie eher durch das Leben mit den Fayu geprägt oder
mittlerweilen europäisch geworden?

Ich würde sagen beides.

Wie vermischen sich bei Dir die Gepflogenheiten bei den Fayu und die hier in Europa?

Die vermischen sich nicht, und das ist auch sehr bewusst so. Wenn man im Urwald überleben will, muss man bestimmte Fähigkeiten haben. Und wenn man hier ist, muss man sich hier anpassen.

Gibt es mehr körperliche Berührungen bei den Fayu als bei uns?

Ja, es gibt definitiv mehr körperliche Berührungen, und die Menschen fassen sich auch viel mehr an. Generell die papuanische Gesellschaft ist eine sehr warmherzige Gesellschaft. Frauen unter Frauen und Männer unter Männern haben viel mehr körperliche Berührungen als hier, und besonders bei Kindern ist das ganz stark.

Drücken die Fayu ihre Emotionen stärker und "besser" aus als wir?

Ja, die Fayu können ihre Emotionen viel, viel besser ausdrücken als wir. Für uns würde das sehr übertrieben aussehen, für sie ist das normal.

Worin unterscheidet sich die Wahrnehmung der Fayu zu unserer Wahrnehmung?

Die Fayu sind eine Gesellschaft, die sehr auf das Innere konzentriert ist. Wenn bei den Fayu jemand einen Schock erlebt oder traurig ist, dann sind sofort alle da, trösten und helfen. Wir im westen sind eine Gesellschaft, die viel mehr auf Äußerlichkeiten konzentriert ist.
Ich kann das natürlich nicht 100%ig sagen, aber die Denkweise der Fayu ist strukturierter. Alles ist schwarz oder weiß, gut oder böse. Es gibt nichts dazwischen. Man ist Freund oder Feind. Für die Fayu ist es überhaupt nicht verständlich, dass es eine andere Kultur gibt als die ihre. Deshalb erwarten sie auch, wenn man dort ist, dass man sich ihnen anpasst. Wenn man in Kulturen hinein geht, die man nicht kennt, entstehen Missverständnisse. Wenn man Fehler macht und dadurch die Menschen sehr beleidigt, kann das sehr gefährlich werden.
Ich glaub, wir Europäer versuchen immer alles zu analysieren und alles zu verstehen. Das europäische Wissen generell ist einerseits natürlich viel größer als das der Fayu. Aber andererseits haben die Fayu ein Wissen über den Urwald, da kommen wir nie im Leben dran. Das Leben hier in Europa läuft so schnell, dass wir nicht mehr über Kleinigkeiten nachdenken. Wir haben so viele Eindrücke, die auf uns einströmen, und so viel, was unser Gehirn verarbeiten muss. Es war für mich anfangs sehr schwierig, damit klarzukommen.

Worin unterscheidet sich deine optische und akustische Wahrnehmung von der des Europäers?

Ich hatte eine viel stärkere Wahrnehmung als ich hier her kam. Wenn man im Urwald lebtt, entwickelt man bestimmte Fähigkeiten, Athmosphären oder Warnsignale zu unterscheiden. Man hört zum Beispiel, wenn die Tiere ganz ruhig werden. Wenn der Laut bestimmter Insekten fehlte, wussten wir, OK, es kommt eine überschwemmung.
Als ich hier her kam, war das für mich ganz schwierig, weil auch hier alle meine Fühler draußen waren und ich lauter Signale bekommen habe, die ich nicht einordnen konnte. Wenn ich jetzt hier bin, bin ich mittlerweilen nicht mehr so sensibel wie am Anfang.

Wie haben sich die Signale der Europäer für dich ausgedrückt?

Ich habe hier die Aggressivität der Menschen sehr, sehr deutlich gespürt. Die Stimmungen anderer Menschen sind etwas, was ich bis heute noch sehr stark wahrnehme. Der Gehörsinn ist ganz wichtig im Urwald, dadurch war auch mein Gehör besonders stark ausgeprägt. Die Eingeborenen haben natürlich auch einen hervorragenden Geruchssinn. Bei ihnen ist das sehen, das hören und das spüren gleich wichtig, während hier im westen das Sehen viel mehr im Vordergrund steht. Ich habe gelernt, mit meinen Sinnen viel mehr zu machen als die Menschen hier, die im Grunde genommen ihre geschärften Sinne gar nicht brauchen. Dafür aber haben sie Fähigkeiten, die ich nicht habe. Das merke ich besonders bei meinen Kindern. Wenn ich über die Straße gehen möchte und es kommt ein Auto, rechnet das Gehirn meiner älteren Tochter innerhalb von Sekunden aus, ohne dass es ihr bewusst ist, wie schnell es kommt und ob sie genug Zeit hat, die Straße zu überqueren. Eine ganz einfache Sache, für mich aber schwierig. Ich stehe da und zögere, bis das Auto mir zu nahe kommt und ich erst recht stehen bleiben muss.

Ist das jetzt immer noch so?

Ja, Das hab ich immer noch, aber es ist besser geworden.

Wie nimmst du am meisten wahr?

Wie kann ich das am besten beschreiben? Das hast du auch. Nur mit dem Unterschied, dass du nicht weißt, dass du's hast. Das ist wie eine Art Welle. Das merkt man zum Beispiel, wenn jemand schlecht gelaunt ist. Dann hat er 'ne komplett andere Ausstrahlung als wenn er glücklich ist.

Doch, das spür ich natürlich auch.

Genau. Und dieses Gespür haben viele Menschen hier nicht. Bei ihnen ist es nicht mehr so ausgeprägt, weil sie's auch nicht zum Überleben brauchen. Wenn man einen Schritt weiter geht, Bäume haben eine Athmosphäre, das Wetter hat eine Athmosphäre, alles hat eine Athmosphäre.

Hast du intensivere Träume in der Nacht?

Ich merke, dass ich vieles in meinen Träumen verarbeite. Ich glaube, das macht jeder Mensch. Wenn mich irgendwas belastet, träum' ich meistens davon. In den letzten Jahren, wo mein Bewusstsein stärker geworden ist, sind auch meine Träume intensiver geworden. Ich glaub nicht, dass das damit zu tun hat, wo man groß wird, sondern es hat damit zu tun, wie man sich mit sich selbst auseinandersetzt. Und seit ich mich intensiv mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt habe, sind meine Träume auch viel intensiver geworden.

Wie hat sichdein Kleidungsstil entwickelt und wie zum Beispil dein Musikstil?

Eine bestimmte Stilrichtung war für mich eigentlich nicht so wichtig, bis ich nach Deutschland kam. Als ich immer wieder in der Öffentlichkeit stand, hab ich angefangen, mehr Wert darauf zu legen, wie ich mich kleide, denn es ist einfach Teil dieser Gesellschaft, dass die Menschen darauf achten, was man trägt. Meinen Kleidungsstil habe ich mit Hilfe von Freunden und Bekannten entwickelt, die gesagt haben: "Mensch, Sabine, du kannst nicht so herumlaufen." Ich trage keine sehr bunten Sachen, obwohl ich bunte Farben wahnsinnig gerne mag. Es ist schön, sich ab und zu schick anzuziehen, mal für einen Abend. Ganz ehrlich, in Jeans und T-Shirt fühl ich mich aber einfach bis heute noch am wohlsten. Ich glaub, das wird sich auch nicht ändern.
Mein Musikstil: Im Urwald hatten wir sehr wenig Musik. Wir haben klassische Musik gehört. ich bin nicht jemand, die nur in eine Richtung geht. Für mich kommt es auf die Situation an und darauf, wo ich gerade bin. Ich mag nach wie vor klassische Musik sehr gern. Wenn ich auf einem klassischen Konzert bin, finde ich das absolut fantastisch. Wenn ich in einer Bar bin, dann läuft natürlich 'ne andere Art Musik. Im "New Orleans" war ich mal, da haben sie Blues gespielt. Techno ist nicht mein Ding, oder Hardrock auch nicht. Aber ansonsten bin ich offen für alle Musikrichtungen.

Welche Gesellschaftsformen sind Dir wichtig?

mein Ex-Mann, mit dem ich in der Schweiz gelebt habe, war sehr wohlhabend, und der hat sich in höheren Gesellschaftsschichten bewegt. Dadurch habe ich gelernt, mich jeder Situation anzupassen. Ich kann mich mit einem Bettler genauso gut unterhalten wie mit einem Adeligen. Ich hab da nie 'nen Unterschied gemacht, aber ich hab mich auch nie einer Gruppe zugehörig gefühlt. Ich mach mir eigentlich aus Gesellschaftsformen überhaupt nichts. Für mich ist einfach wichtig, wie der Mensch sich verhält, ob er von der Persönlichkeit her ehrlich und in Ordnung für mich ist.

Wie wichtig sind Dir verlässliche freunde?

Ich finde verläsliche Freunde sehr, sehr wichtig. Ich glaube, dass in der heutigen Zeit, besonders weil die Familien klein geworden sind, ein guter Freundeskreis sehr, sehr wichtig ist, um hier zu überleben, nicht so sehr körperlich, sondernpsychisch. Für das Wohltun des Menschen ist eine starke soziale Struktur von enormer Wichtigkeit. Das wird häufig sehr stark unterschätzt.

Was erwartest du von deinen Freunden?

Ich habe keine bestimmten Erwartungen an meine Freunde. Freundschaft war für mich immer eine absolute Selbstverständlichkeit. Ich erkläre das am besten über die beiden Kulturen: Bei den Fayu ist Freundschaft das wichtigste überhaupt. Die Freundschaft ist dort wichtiger als die Ehe, weil der freundeskreis, den man innerhalb der Gruppe oder des Stammes aufbaut, etwas ist, was ein Leben lang bleibt. Und von den Freunden, (also immer die Mädchen unter den Mädchen und die Jungs unter den Jungs, gemischt war das nie) holte Man sich Trost, Bestätigung, Liebe und Unterstützung. Man hat einander beschützt. Man war füreinander da. Was auch immer passiert ist, man konnte sich immer 100%ig auf seine Freunde verlassen. Man musste Freundschaften dort aber auch nicht pflegen so wie hier, weil man sowieso zusammen lebte. Das ganze System, das wir hier haben, musste ich ja auch erst kennenlernen, zum Beispiel, Dass man Leute anrufen muss, bevor man sie besucht. Deshalb war das für mich, als ich hier her kam, selbstverständlich, wenn mir jemand sagte, ich bin deine Freundin. Weil ich die Kultur hier nicht kannte, war ich dann sehr, sehr oft enttäuscht. Und irgendwann hab ich mich auch viele Jahre zurückgezogen, hatte auch fast keine Freunde, weil ich einfach nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Als ich dann später begriffen habe, wie man hier Freundschaften pflegt oder was Freundschaft hier überhaupt bedeutet, habe ich angefangen, mir einen sozialen Kreis aufzubauen, und ich habe erkannt, wie wertvoll dieser Freundeskreis für mich ist, eigentlich genauso wichtig wie im Urwald. Im Urwald war ein Freundeskreis da, um zu überleben, und hier, würde ich sagen, ist es genauso.

Was kennzeichnet für dich eine Freundschaft?

Dass man füreinander da ist in guten wie in schlechten Zeiten. Ein Freund ist für mich jemand, wo ich weiß, ich kann um 3.00 Uhr morgens anrufen, wenn's mir schlecht geht, und dieser Mensch ist da für mich, oder wenn ich Hilfe brauche. Man erkennt wirkliche Freunde, wenn man eine schwierige Zeit durchmacht. Ich hab 'ne Freundin, eine meiner besten Freundinnen, sie lebt in Canada, wir telefonieren vielleicht zweimal im Jahr, ich weiß aber, dass, was immer passiert, wenn ich sie anrufen würde, sie wäre sofort da. Das ist für mich Freundschaft. Freundschaft ist nicht so unbedingt, dass mich jemand täglich besucht oder täglich anruft. Für mich ist Freundschaft zu wissen, dass, wenn ich Probleme habe, oder wenn ich traurig bin, dass Menschen alles stehen und liegen lassen und sofort kommen würden. Und ich glaube, deshalb lege ich da auch mehr wert drauf als darauf, wenn jemand Zeit hätte. Ich bin ja auch jemand, die nicht immer anruft. Ich bin ja auch jemand zwischen Arbeit und Kindern und Sozialprojekten. Ich hab auch nicht so viel Zeit. Mir ist aber bewusst geworden, dass ich mir für Freunde Zeit nehmen muss.

Hast du Verlustängste?

Ich habe keine Verlustängste, was das Materielle angeht.
Ich hab Verlustängste, die vielleicht mehr mit Menschen zu tun haben, vielleicht weil ich so viele Menschen verloren habe. Ich weiß aber nicht genau, wie ich ihnen begegne, und ich weiß auch nicht genau, was es ist. Ich weiß nur, es ist da. Ich merke einfach, dass ich viel vorsichtiger geworden bin. Ich glaube, das hat auch mit dem Heilungsprozess zu tun. Ich lasse Menschen ganz, ganz schwer an mich ran. Ich würde sagen, ich lasse Frauen viel schneller an mich ran als Männer. Ich glaube, Männer lasse ich generell nicht mehr an mich ran. Nicht weil ich irgendwie verbittert oder wütend bin, sondern einfach, weil ich enttäuscht worden bin, Ich habe eine bestimmte Sicherheitszone um mich aufgebaut, weil ich meinen Kindern gegenüber eine Verantwortung trage. Ich kann es mir nicht leisten, irgendwie jetzt zusammenzubrechen, ich kann es mir nicht leisten, mich in meinen Gefühlen zu verlieren. Ich weiß, wenn ich jemanden sehr nah an mich dran lassen würde, besonders einen Mann, und der würde mich verletzen, oder es passiert etwas schlimmes, dann bin ich traurig, dann bin ich deprimiert, dann bin ich nicht mehr motiviert, und das kann ich mir momentan einfach nicht leisten. Ich bin von einem ganz extremen Herzensmensch zu einem ganz extremen Kopfmensch geworden. Ich bin hier viel praktisch denkender geworden. Diese Extreme haben auch mit meiner Persönlichkeit ein bisschen zu tun.
Ich bin früher so durch das Leben gegangen und habe nie so richtig über etwas nachgedacht. Meine Mutter hat immer gesagt: "Sabine, du springst und dann denkst du erst. Lerne zu denken, bevor du springst." Durch all das, was mir in den letzten Jahren widerfahren ist, habe ich gelernt, ganz bewusst mehr mit dem Kopf zu handeln. Wenn ich in Papua bin, dann bin ich absolut Herzensmensch und ganz extrem in dem, was ich fühle und wie ich im Moment empfinde. Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist. Ich hab einfach gemerkt, dass es mir hier besser geht, dass ich stabiler bin, seit ich so agiere. Ich bin ruhiger, weil ich nicht mehr so oft in Situationen hinein gerate, in denen ich verletzt oder enttäuscht werde oder in denen ich Misserfolge habe.

Wie gehst du mittlerweilen mit Abschied um?

Für mich ist ein Abschied kein Abschied, egal wo. Weil die Welt ist klein geworden durch die Möglichkeit zu fliegen und durch diese ganzen Möglichkeiten jetzt mit E-Mail, Telefon und Handy. Für mich ist Abschied nichts ungewöhnliches. Wenn ich jemand sehe und mit diesen Menschen eine tolle Zeit hatte, gehe ich weg und bin nicht traurig, weil ich weiß, dass ich die Menschen auch wiedersehen kann, wenn ich möchte. Nur wenn ich mich von meinen Kindern verabschiede, bin ich immer ganz traurig. Ich hab in meinem Leben Abschied nehmen müssen von Menschen, die ich sehr geliebt habe, die ich entweder durch den Tod verloren habe oder durch andere Umstände. Irgendwann mal gab's so einen Push, und danach hab ich nie wieder geweint und hab danach auch nie wieder Abschiedstraurigkeit empfunden.

Was bedeutet für dich Glück?

Menschen um mich zu haben, die sich lieben, die zufrieden sind, keinen Streit zu haben, eine schöne Athmosphäre. Das ist mir ganz ganz wichtig. Wenn ich unterwegs bin und dann nach hause komme, denke ich: Ach, ist das schön. Das ist für mich Glück.

Wenn die Kinder pubertieren, gibt es dann manchmal Streit?

Ich habe zwei Teenager, und ich hab mit meiner Tochter vielleicht zweimal gestritten. Wir streiten uns eigentlich nie. Ich hab einfach geniale Kinder. Mein siebzehnjähriger Sohn ist angenehm und unkompliziert. Er ist in der Schweiz in einem Gymnasium, und wenn er hier ist, dann ist er auch ganz glücklich. Ich hab da eigentlich nie Probleme gehabt.

Was verletzt dich?

Was für mich bis heute immer hart ist, und das wird sich auch nie ändern, ist, wenn ich glaube, eine Freundin zu haben oder einen Freund, wenn ich glaube, eine gute Beziehung zu einem Menschen zu haben, und dieser Mensch erzählt Sachen weiter, die nur für ihn bestimmt waren. Für mich ist Diskretion ganz ganz oben. Die psychische Treue ist für mich ganz, ganz wichtig. Wenn ich mit jemandem zusammen bin, dann ist ein bestimmtes Vertrauen da. Ein Vertrauen, wo ich einen Menschen niemals anderen gegenüber schlecht machen würde. Leute, die einen reinlegen. Das ist für mich ganz hart. Und das ist mir mehrmals in den letzten Jahren passiert, und da hab ich sehr, sehr zu kämpfen gehabt, bis ich darüber hinweg war.

Kannst Du Dich vor Menschen schützen, die Dich als Attraktion sehen und sich auf Deine Kosten wichtig machen oder sich vielleicht sogar an Dir bereichern wollen, oder bist du vor solchen Menschen verschont geblieben?

Nein, verschont geblieben bin ich nicht, aber ich nehm's denen auch nicht übel. Es sind so zwei drei Leute, wo ich heute sage, es hätte nicht passieren dürfen. Ich finde dieses Schuld abschieben auf andere Leute nicht richtig, weil letztendlich hat man's ja selber zugelassen. Vielleicht ist das eine sehr harte Ansicht, aber ich sage mir, ich bin erwachsen, und letztendlich bin ich für meine Entscheidungen und die daraus folgenden Konsequenzen verantwortlich. Natürlich kann ich sagen, der Mensch hätte das nicht machen sollen oder: Das ist nicht fair. Ich spüre auch schnell, wer sich an mir bereichern will.

Ist es dir wichtig, Dinge für dich zu behalten?

Ich behalte einerseits viel für mich, aber natürlich hab ich andererseits durch meine Bücher sehr viel von mir preisgegeben. Aber wenn's um jemand anderen geht, um Freunde, da bin ich sehr diskret.

Hast du für dich herausgefunden, warum das Verleugnen deiner Kindheit im Dschungel entstanden ist?

Dafür gab es zwei Gründe. Der eine Grund war, dass ich ganz früh in Situationen geraten bin, wo es Menschen gab, die mich sehr schlecht behandelt haben, weil ich ein bestimmtes Wissen nicht hatte, und die dann auch meine Kindheit sehr negativ dargestellt haben. Das gab mir so ein schlechtes Selbstwertgefühl, dass ich alles, was mit mir zu tun hatte, beiseite geschoben habe, und das war natürlich auch meine Kindheit. Dabei hab ich leider wahrscheinlich nur die falschen Menschen erwischt. Als ich dann anfing, meine Herkunft zu verleugnen und gesagt habe, ich bin in Deutschland groß geworden, sind die Menschen anders mit mir umgegangen. Von unserer Genetik her sind wir dazu gemacht, uns in Gruppen zu bewegen und uns anzupassen. Das ist auch bei den Fayu so. Wenn du anders bist als alle anderen, dann gehörst du nicht zur gemeinschaft. Und nicht zur Gemeinschaft zu gehören heißt auch, nicht zu überleben. Deshalb passen sich die Leute alle an. Es gibt dort nicht so ausbrecher wie hier. Es gibt dort keine Leute, die anders sind. Wir haben hier viel mehr Möglichkeiten, uns zu entfalten als dort. Weil wenn du dort in einen Stamm reingeboren wirst, dann bleibst du in diesem Stamm dein Leben lang. Du hast nicht viele Möglichkeiten, was großes zu machen, weil du wirst in eine bestimmte Position reingeboren, und du bleibst in dieser Position bis du stirbst. Das ist einerseits eine Sicherheit, andererseits natürlich gibt's dort keine Privatsphäre oder auch keine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

Wir hier in Europa reden doch alle immer ganz großspurig darüber, dass wir doch individuen sind, und jeder ist irgendwie anders, und eigentlich versuchen doch auch viele Leute, umso jünger sie sind, individuell zu sein und hervorzustechen. Warum hat sich das dann bei dir so geäußert, dass du dir gesagt hast: Die passen sich alle an, also muss ich das jetzt auch tun?

Wir sagen, wir sind individuell, sind es aber nicht. Wenn du anders bist in dieser Gesellschaft, bist du nicht akzeptiert. Wenn du in Papua blind wärst, wären die Menschen viel verständnisvoller. Ich weiß, es gibt dort Blinde, aber nicht so viele. Es käme drauf an, wie die Eltern gewesen wären und darauf, wie gut man sich bewegen kann. Als Frau hätte man dort wahrscheinlich mehr Chancen zu überleben als als Mann. Eine Frau muss dort ja nur sammeln, der Mann muss jagen. Aber das ist auch von Stamm zu Stamm verschieden.
Ich mein, das sehen wir doch: wenn jemand punkig angezogen ist, dann kommt er nie in eine andere Gesellschaftsschicht rein. Der wird nicht akzeptiert. Der Mensch ist ein Gruppenmensch, und ich glaube, das ist auch der Grund, warum es hier so viele psychische Probleme gibt. Dafür gibt‘s meiner Meinungnach zwei gründe: Der erste ist, weil wir keine Zeit mehr haben, es ist für unser Gehirn sehr schwer, das alles zu verarbeiten, und der zweite Grund ist halt eben, weil viele Menschen vereinsamen. Aber alles hat, wie gesagt, seine Vor- und Nachteile.

Wie ist es dir gelungen, deine Identität und deinen Platz hier in Europa zu finden und nun das Leben zu leben, das du leben willst?

Ich glaube, was mir natürlich am meisten Stärke gibt, sind die kinder, die aber auch der Grund dafür sind, warum ich damals hier geblieben bin, also man kann beides sagen. Ich glaub, ich hab einfach meine Identität wiedergefunden. Ich hab einfach gelernt, das hat auch mit meinem Alter zu tun, mich so zu akzeptieren, wie ich bin und das zu machen, was ich machen will. Ich will mich nicht mehr irgendwo einzwängen lassen. Ich bin innerlich sehr, sehr stark geworden. Ich hab hier eine Möglichkeit, Sachen zu machen, die vielleicht andere nicht machen können, und mir geht es ja wirklich gut, Ich glaub, die Bücher haben mir da sehr geholfen. Die waren so der Anstoß zu allem. Ja, ich hänge sehr stark an meinem Sozialkreis jetzt, die sind mir ganz wichtig, meine Projekte, die ich mache, meine Sozialprojekte sind mir sehr wichtig geworden, also daher nehme ich sehr viel Kraft, und dadurch hab ich hier einen sehr schönen Platz gefunden.

Welche Sozialprojekte machst du?

Ich bin Botschafterin für ein Projekt von world vision, das sich ganz stark auf schwangere Frauen und Kleinkinder konzentriert, dann ist noch ein ganz schönes Projekt in Bali, eine Frau, die nimmt Straßenkinder auf, und es gibt noch andere Projekte, die ich jetzt so langsam anfange, mit denen ich langsam zu tun habe, sehr stark Frauenprojekte. Frauenprojekte interessieren mich nach wie vor.

Wenn Du irgendwann entscheiden würdest, mit dem Schreiben aufzuhören, welchen Beruf würdest Du dann ausüben wollen?

Schreiben werde ich, glaub ich, nicht mein ganzes Leben. Ich seh mich nicht als Schriftstellerin. Ich bin natürlich Autorin, ich bin Schriftstellerin und so gemeldet, aber ich bin eher eine Geschichtenerzählerin. Ich mein, meine Hauptsprache ist sowieso nicht deutsch, und ich werde nie irgendwelche hochwertigen Bücher schreiben. Wenn ich was schreibe, wird es immer mit Geschichten zu tun haben. Und wenn ich einen anderen Beruf machen könnte, was mich immer schon interessiert hat, schon als Kind, das ist schon eine Art von Journalismus. Es interessiert mich, einfach Menschen was rüber zu bringen. Momentan arbeiten wir an einigen TV-Projekten, also Dokumentar-Projekten, und das war schon als kind meine Leidenschaft. Ich wollte schon immer zum Beispiel für "National Geographics" arbeiten oder Dokumentarfilme machen, das sind so Sachen, die ich viele Jahre schon machen wollte. Ich wollte immer eine Abenteuerin sein, eine Forscherin sein. Da bin ich momentan dran. Ob es klappen wird, weiß ich nicht, aber das wäre einfach mein absoluter Traum, sowas zu machen.

Was machst du gerne künstlerisch oder sportlich?

Ich hab immer gerne gemalt. Ich bin natürlich da nicht so begabt, aber ich empfand es immer sehr entspannend. Ich spiele leider kein Instrument. Ich hab jahrelang Trompete gespielt, als ich jünger war, aber das hab ich schon seit Jahren nicht mehr gemacht, und, ja, künstlerisch, ich kann weder gut singen noch kann ich ein Instrument spielen. Ich höre gern Musik, Bücher lese ich halt gern, ich komme aber nicht oft dazu. Sportlich, ja, ich hoffe, dass ich es jetzt mal regelmäßig hinkriege, Sport zu machen. Ich jogge sehr gerne auf dem Laufband.

Wie gehen deine Kinder damit um, dass du im Dschungel aufgewachsen bist?

Also meine Kinder sehen das als selbstverständlich. Die sind damit aufgewachsen. Von allen vier Kindern, ich hab zwei Mädchen, zwei Jungs, würde ich sagen, dass mein jüngstes Kind, die Vanessa, am meisten Interesse daran hat. Sie ist mir aber auch von allen Kindern am ähnlichsten. Wenn ich sie so beobachte, wie sie redet oder wie sie sich bewegt, sie ist, sag ich mal, ein absolutes Dupplikat von mir, wie ich in ihrem Alter war, und sie ist so'n Kind, die wär auch, wie ich, glücklich gewesen, wenn sie im Urwald groß geworden wäre. Die ist ein absolut kleines Dschungelkind, wächst aber halt in Europa auf.

Was aus deiner Kindheit ist so schön für dich, dass du es deinen Kindern für innere Werte mitgeben willst?

Man gibt ja sehr viel unbewusst an seine Kinder weiter, ds merke ich auch bei vielen anderen Leuten, dass die unbewusst Sachen an ihre kinder weiter geben, und ich weiß, dass ich das auch mache und es selbst nicht bemerke. Worauf ich aber versuche, sehr viel Wert zu legen, und je älter sie werden, umso wichtiger wird mir das auch, ihnen halt eben Kulturverständnis beizubringen und ihnen zu sagen, auch wenn Menschen anders sind, heißt das nicht, dass die schlechter sind als wir. Im Gegenteil. Man kann auch von diesen Menschen viel lernen. Ich versuche meine Kinder auch auf Reisen mitzunehmen, und die sind jetzt auch alt genug, dass ich sie auch zum Beispiel mal nach Afrika mitnehmen kann oder zu einem der Sozialprojekte. Meine ältere Tochter interessiert sich sehr für soziale Sachen, und ich werde sie auch mal auf eine Reise mitnehmen, damit sie das auch mal miterlebt. Das finde ich ganz wichtig, dass den Kindern bewusst wird, wie gut es uns hier in Europa geht. Darauf lege ich sehr großen Wert. Das kann man denen aber nicht erklären. Man kann denen nicht sagen, in Afrika gibt's hunderte von Kindern, die verhungern. Das ist für sie so weit weg. Aber sie mal mitzunehmen, das macht ihnen das bewusst. Ich finde, das wäre eine tolle Sache, wenn in Deutschland die Familien das machen würden, einmal mit der Familie anstatt in den Sommerferien am Strand zu liegen, dass die mal gemeinsam ein Sozialprojekt besuchen, mithelfen. Es gibt so viele Projekte, wo man hingehen kann, wo man vielleicht aushelfen kann, und ich finde das für Kinder ganz ganz wichtig.

Bringst du Deinen Kindern all deine Sprachen bei?

Die Sprachen bringe ich den Kindern nicht alle bei. Wir reden englisch, deutsch und französisch zu Hause. Dabei kommt es drauf an, mit welchem Kind ich rede. Die Kinder reden untereinander englisch, aber mit meinen beiden kleinen Kindern rede ich hauptsächlich deutsch.

Was machen deine Geschwister beruflich?

Meine schwester hat zwei Kinder, die ist eigentlich Mutter, die ist aber auch Künstlerin, sie malt Bilder und fotografiert, und sie schreibt auch sehr gut, sie schreibt ab und zu für Zeitungen und Zeitschriften in Amerika, die lebt ja in Amerika mit ihren zwei Kindern, und mein Bruder und seine Frau die sind gerade nach Deutschland gezogen, und der sucht momentan noch eine Arbeit.
Meine Geschwister stehen nicht gern in der Öffentlichkeit, die sind zu schüchtern. Also mein Bruder vielleicht, aber meine Schwester überhaupt nicht.

Welche Eigenschaften hat dein Vater von den Fayu übernommen?

Uff! Ganz viele. Ja, er ist ein sehr freundlicher Mensch. Er ist sehr Fayu geworden. Aber wenn ich da ins Detail gehen würde, das würde zu lange dauern. Er hat's dort sehr, sehr geliebt. Ich glaub, der hat auch sehr viel Heimweh.

Wie gehen deine Eltern mit ihrem jetzigen Leben in deutschland um?

Es ist natürlich schwer für sie. Die haben Deutschland verlassen in den 60er Jahren und sind 2006 zurück gekehrt. Sie haben natürlich die meiste Zeit ihres Erwachsenenlebens außerhalb von Deutschland verbracht, was dazu geführt hat, dass zum Beispiel ihr Freundeskreis nicht mehr da war. Die vielen Entwicklungen, die Deutschland in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, das sind ja riesige Entwicklungssprünge, die haben sie ja auch nicht miterlebt. Für meine Mutter war's einfacher, für meinen Vater war's viel schwieriger, sich hier wieder einzuleben. Das haben sie natürlich stückweise gemacht. Es ist nicht so, dass die 100% im Urwald gelebt haben und dann 100% nach Deutschland kamen, besonders wegen meiner Großmutter war meine Mutter sehr oft hier in Deutschland. Also war es schon eine sehr langsame Transaktion von Papua nach hier hin, aber dass die sich jemals 100%ig hier zurechtfinden werden, das glaube ich nicht.


Freitag, 18.12.2009, 08:15
Es war, glaub ich, im Jahr 2004. Oder war es 2005? RTL Punkt 12 berichtete über sie, die Frau, die den Großteil ihrer Kindheit bei den Fayus im Dschungel verbracht hat. Ihre Eltern sind Sprachforscher und Missionare, und so kam es, dass die drei Kinder: Judith, Sabine und Christian eine andere Kindheit hatten als wir Europäer, eine besondere Kindheit. Als ich das Interview mit Sabine Kügler damals hörte, war ich beeindruckt, das Interview war mir viel zu kurz, ich wollte noch mehr über die Frau mit der einzigartigen Kindheit erfahren, und ich nahm mir vor, so bald wie möglich ihr erstes Buch "Dschungelkind" zu lesen., das es zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht als Hörbuch gab. Vor kurzem - im Oktober - hörte ich abermals ein Interview mit Sabine, und inzwischen gibt es ihre Bücher "Dschungelkind" und "Ruf des Dschungels" ungekürzt in den Hörbüchereien für Blinde. Nur das dritte Buch "Jägerin und Gejagte", das im Oktober dieses Jahres erschienen ist, gibt es dort noch nicht. Sabine Kügler ist nun eine Bestsellerautorin. Es scheint also mehreren Leuten so ergangen zu sein wie mir nach dem Hören ihres Interviews.
Im November, als ich gerade die Hörbücher bekam, erhielt ich dazu passend eine E-Mail von einem Veranstalter, dem Grenzgang e.V., eine Presseeinladung, die uns, dem Bürgerfunk-Radio, dem Freien Lokalrundfunk Köln
http://www.flok.de
galt, in der eine kulinarische Lesereise mit Sabine Kügler angekündigt wurde. Wenn das nicht ein Zeichen für mich war...
In den kalten Wintermonaten nehme ich Sommerkind mir nicht gar zu viel vor, ich wähle die Veranstaltungen, zu denen ich gehe - außer meinen eigenen Auftritten - sorgfältig aus, denn es kostet mich eine immense Überwindung, in die Kälte raus zu gehen. Und wenn ich schon zwei Wochen vor der Veranstaltung entscheiden soll, ob ich hin gehe oder nicht, dann kündige ich mich nur an, wenn mir klar ist, ich will da unbedingt hin.
Gesagt getan, und ich wurde von der Veranstalterin eingeladen, während des 3Gänge-Menüs mit ihr und Sabine Kügler an einem Tisch zu sitzen. Darauf freute mich mich ab diesem Zeitpunkt sehr und manchmal versuchte ich mir auszumalen, wie unsere Begegnung stattfinden könnte: Hat sie eine schöne Stimme? fragte ich mich. Meine Blindheit wird für sie wahrscheinlich keine große Rolle spielen, dachte ich, und damit sollte ich recht behalten.
Nun hatte ich also nicht einmal zwei Wochen Zeit, um mich einzulesen. Na großartig!, dachte ich, aber dann verschlang ich "Dschungelkind" innerhalb von, glaub ich, 36 Stunden, und mit "Ruf des Dschungels" setzte ich mich danach noch auseinander. Aber dieses Buch ist nicht so chronologisch aufgebaut wie "Dschungelkind", und nachdem Papua Neuguinea in einer politisch schwierigen Situation ist, musste ich ein paar Mal einiges hören, um die Zusammenhänge halbwegs zu verstehen. Während des Lesens beider Bücher fühlte ich mich allerdings Sabine Kügler sehr nah. Es ist für mich, die ich geburtsblind bin, nicht leicht, mir Landschaftsbeschreibungen vorzustellen oder wie Tiere aussehen, die ich noch nie angefasst habe, aber Sabine hat es geschafft, mir ein paar Fantasiebilder vors Innere Auge zu legen. Und je mehr ich von ihr erfuhr, umso mehr fieberte ich dem Tag entgegen, an dem ich sie kennenlernen würde. Bestimmt, dachte ich, werden wir einander mögen.
Als der Tag der kulinarischen Lesereise kam, dachte ich: Nun gut, wenn Du nach Hause kommst, hast Du noch ein paar Kapitel von "Ruf des Dschungels" vor dir.
Als ich das Restaurant "Zeit der Kirschen" betrat, durfte ich noch vor dem Publikum den Veranstaltungsraum betreten, um Mein Gerät zum Mitschneiden ans Mischpult anzuschließen. Sofort begrüßten mich die beiden Veranstalterinnen Katharina und Anke, nahmen mir den Mantel ab und brachten mich ans Mischpult, wo ich mein Gerät anschließen konnte. Erst gab mir der Tontechniker die Hand. "Sabine Kügler ist auch schon da", sagte Katharina im selben Moment, und schon hielt ich ihre Hand in der meinen. Sie zog ihre weiche Hand nicht gleich zurück, diese Hand, die ich, glaub ich, unter vielen wiedererkennen werde, Ich stellte mich vor, und dann ging ich ans Mischpult und sie ans Mikrofon, denn ich brauchte noch ihre Stimme für die Aussteuerung. Als ich das Gerät zuende eingestellt hatte, setzte ich mich an unseren Tisch und harrte der Dinge, die da kommen. Ich rechnete nicht damit, dass Sabine Kügler noch vor der Lesung mit mir sprechen würde. Viele Sänger oder Autoren - auch ich - haben Lampenfieber und können sich vor der Show kaum konzentriert unterhalten.
Sie setzte sich mir schräg gegenüber und sagte irgendwas. Ich weiß nicht mehr, ob es um meine Hündin Smokey ging, oder was sie genau zu mir gesagt hat, ich weiß aber noch um die Emotion, die mich ergriff. Die ersten drei Sekunden brauchte ich, um ihre Stimme einzuordnen und zu kombinieren, dass es Sabine war, die mit mir sprach. Aber dann hatte ich das Gefühl, es ist wie immer, es ist, als würden wir einander schon lange kennen und einander gerade wieder mal begegnen. Anfangs siezte sie mich noch, während ich mich ans Du heran tastete, und irgendwann duzten wir einander beide. Wir unterhielten uns bis kurz vor Lesungsbeginn über den Hund, meine Blindheit, darüber, dass wir gern beide Menschen um uns haben...
Und dann begann Sabines Lesereise, ein Mix aus Erzählungen und Lesepassagen von der Kindheit im Dschungel. Plötzlich merkte ich mehr den amerikanischen Akzent, der mir zuvor nicht aufgefallen war. Sabine spricht amerikanisch mit hamburger Aussprache, sehr süß. Sie sprüht vor Kraft, man spürt ihre Lust am Erzählen, und man könnte ihr stundenlang zuhören. Während der Vorspeise sagte ich zu ihr: "Sabine, ich weiß nicht, ob ich das sagen darf: Du lispelst." "Ich weiß", antwortete sie. "Meine Kinder haben das geerbt, und die waren aber in einer Sprachschule. Und wenn ich englisch spreche, lisple ich nicht." Man hört das charmante Lispeln so richtig nur über die PA-Anlage. Wenn man neben Sabine Kügler sitzt und mit ihr spricht, fällt es einem kaum auf. Nun, Im Urwald gab's halt keine Sprachtherapeuten.
Nach dem Verzehr der Hauptspeise kamen die ersten Leute an unseren Tisch um sich die gekauften Bücher signieren zu lassen. Sabine machte ihren Job in Ruhe und unterhiät sich mit den Menschen. Geduldig beantwortete sie alle ihre Fragen. Das war sehr schön für mich zu beobachten. Und wenn ich etwas brauchte, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit mit derselben Ruhe auf mich und half mir, ohne dass es auffiel.
Nach der Lesung widmete Sich Sabine nochmal eine lange Zeit ihren Gästen. So entschieden wir, das geplante Interview telefonisch zu machen.
Beim Abschied hielten wir nochmal unsere Hände, und ich nahm wieder die Besonderheit der ihren wahr, und dann umarmten wir einander. Sabine versprach mir, sich in ein paar Tagen bei mir zu melden, was sie dann auch tat. Im Jänner machen wir in Ruhe unser geplantes Interview. Dann wird diese Story ihre Fortsetzung erhalten.
Sabine und ich erzählen uns, soweit es ihre Zeit erlaubt, per E-Mail, was uns gerade in den Sinn kommt. Sie ist trotz ihres Erfolges eine unkomplizierte Frau, habe ich den Eindruck. Ich denke, zwischen uns entsteht gerade, um in Sabine Küglers Worten zu sprechen, ein Band der Freundschaft.
Wer Sabine Küglers Bücher noch nicht gelesen hat und jetzt neugierig geworden ist, mehr über sie und ihre Projekte erfahrt Ihr unter
http://www.sabinekuegler.de


Sonntag, 21.12.2008, 22:47
Liebe Erika!

Ich habe das Bedürfnis, Dir ein Kapitel in meinem Blog zu widmen, um all jenen, die Dich lieb gehabt haben, ein Zeichen zu setzen, und in der Hoffnung, mit meiner persönlichen Trauer um Dich – viele Kilometer weg von Deinen Liebenden und viel Zeit von unseren schönen, herzlichen Begegnungen entfernt - umzugehen, um Dich, die Du mir ein wertvoller Mensch warst, von hier unten zu umarmen. Ich denke an Dich und an die Menschen, die ich durch Dich kennengelernt habe,und noch mehr denke ich an Deine beiden Töchter.

Wir haben uns in der Abendschule am Henriettenplatz kennengelernt. Du warst meine Lehrerin. Ich habe mich dort mit drei Lehrerinnen angefreundet. Die anderen beiden unterrichten inzwischen auch nicht mehr. Ihr habt mir alle drei immer sehr viel Kraft gegeben, Ihr wart mir alle drei sehr wichtige Freundinnen – die anderen beiden sind es Gott sei Dank noch immer. –

Jetzt aber zu Dir: Du warst eine Frau, die nicht schnell jemanden an sich ran gelassen hat. Ich glaube, dass ich Dir näher war als viele andere Menschen. Die meisten haben Dich hinter Deiner Maske versteckt gesehen.

Ich erinnere mich noch sehr genau an unsere erste intensive Begegnung bei einem Schulfest. Du warst damals gerade zwei Wochen mein Klassenvorstand, und bis zu jener Begebenheit während des Schulfestes konnte ich Dich nicht einordnen. Meistens weiß ich nach dem ersten Eindruck, ob mir jemand sympathisch ist, ob ich mit jemandem etwas anfangen kann, ob dieser neue Mensch mich so berührt, dass ich über ihn nachdenken möchte oder nicht. Bei Dir war das anders. Ich glaube, wir waren nämlich beide damit beschäftigt, die andere kritisch und wohlwollend zugleich zu beobachten. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen, die Kommunikation im Klassenverband war allgemein gehalten.

Und dann, ja, dann war dieses tolle Schulfest, eins der schönsten Feste für mich überhaupt, obwohl ich jemand bin, die im Laufe ihres Lebens eine Vielzahl an Festen besucht hat. Fragt sich nur, ob dieses Fest wirklich so außergewöhnlich schön war, oder ob es nur durch Deine Anwesenheit für mich einen besonderen Wert erlangt hat. Wie dem auch sei..

Ich hatte mir zu diesem Faschingsfest ein besonders originelles Kostüm ausgedacht: Ich ging als Zeitungsständer. Damals gab es in Wien in den Häusern schon Altpapierbehälter. Unserer stand direkt im Gang. Ich brauchte mir nicht einmal die Mühe zu machen, in den kalten Hof raus zu gehen. Ich musste nur im Erdgeschoss in den Behälter klettern und all das Papier raus holen, das man gut am Gewand befestigen konnte. Und dann ging es los: Ich schnitt Löcher in einen alten Pullover und in eine alte Jeans, behängte und beklebte die Klamotten mit Zeitungen, sodass ich – später angezogen – am ganzen Körper mit Zeitungspapier bedeckt war. Auch die Schuhe beklebte ich mit Zeitungsschnipsel, und auf dem Zeitungshut befestigte ich einen viereckigen Karton, den mir ein Nachbar mit einem Schlitz ausgestattet hatte, und auf dem Karton stand der brovokante Satz: „Bei Anquatschen bitte Geld einwerfen.“ Mein Gesicht war nicht zu erkennen, denn ich brauchte ja nur Luft für Mund und Nase. Auf den Luxus der Augenschlitze konnte ich ja verzichten. So wusste anfangs niemand, wer sich hinter diesem Kostüm versteckte, weil ich auch keinen Blindenstock bei mir trug. Ich genoss es.

Die Lehrer hatten ein Rollenspiel vorbereitet, in dem sie sich in besonders anstrengende Schüler verwandelten, weiß ich noch. Und als das Stück zuende war, wurde getanzt. Der DJ hatte an dem Abend – soweit ich mich erinnere – meistens gute Musik aufgelegt.

Du kamst immer wieder auf mich zu und sagtest etwas zu mir, das fand ich zunächst sehr aufmerksam. Das, was Du sagtest, wirkte so, als wüsstest Du nicht, ob es mir recht war, dass Du auf mich zugingst und mit mir sprachst. Und trotzdem kamst Du immer wieder und umarmtest mich sanft. Ich weiß nicht mehr, wie ich Dir zu verstehen gab, dass ich keine Oberflächlichen Floskeln mag und dass Du unbefangen auf mich zugehen kannst, nach dem Motto: „Ich bin zwar Ihre Schülerin und Sie meine Lehrerin, aber wir beide sind erwachsene Menschen, die sicher aufeinander zugehen können.“ Du nahmst mich in die Arme, gabst mir ein Bussi und sagtest: „Das war es auch.“, sollte heißen, ich hatte wegen Deiner entstandenen Unsicherheit recht behalten.

Von diesem besonderen Zeitpunkt an war uns beiden klar, dass wir uns voreinander nicht zu verstellen brauchten, und ich genoss es sehr, zu spüren,dass ich ab und zu immer wieder an Deinem Herzen teilhaben durfte, ohne dass Du die Lehrer-Rolle einnahmst, ohne Schul-Distanz.

Im Unterricht allerdings verstandst Du es vorzüglich, Dich fast wie eine Schauspielerin zu positionieren, so als wäre der Unterricht für Dich gerade eine Rolle in einem Theaterstück. Es war eine Wohltat, Dir zuzuhören, wenn Du den Lehrstoff in Geschichte präsentiertest. Ich hätte Dich manchmal lieber als Vorleserin in einem Hörbuch gewusst. Deine Art des Vortrages schaffte es jedenfalls, mir Dinge auf eine lebendige Weise in den Kopf zu hauen, die ich für die Schule brauchte und die ich inzwischen längst wieder vergessen habe. Ich durfte aufgrund meiner Blindheit Deinen Vortrag mitschneiden, insofern habe ich auch jetzt noch Deine Wortwahl und Betonung im Hinterkopf. Vor ein paar Jahren hatte ich die letzte Kassette mit den Aufzeichnungen in der Hand. Hätte ich gewusst, dass ich Dich nie mehr wiedersehen würde, hätte ich mir dieses wertvolle Tondokument zwischen die Seiten meines Tagebuches gehängt, um jetzt Deine Stimme noch mal hören zu können. Heute habe ich nach Jahren wieder darin gelesen, um mir unsere Begegnungen noch besser in Erinnerung rufen zu können. Meine Güte, wie lang ist das alles her – 1992 bis 1993. – Und trotzdem empfinde ich meine tiefe Liebe zu Dir immer noch so intensiv wie damals.

Ein paar Monate nach unserer ersten intensiven Begegnung nahmst Du mich und zwei andere Schüler nach einem Schulfest in das Restaurant Deiner besten Freundin Mirella mit. Das „Vrackerl“ würde man, wenn man sich darin nicht wohlgefühlt hätte, unliebevoll als Schicki-micki-Restaurant bezeichnen können. Du warst ja auch schicki-micki, während ich als Edelpunk durchging. Umso erstaunlicher, dass wir beide eine so tiefe Verbindung zueinander hatten. Jedenfalls wurde das „Vrackerl“ durch Dich und Deine lieben Freunde auch für mich ein Platz, in dem ich mich eine Zeit lang sehr zu Hause fühlte, auch wenn ich nur eine einzige meiner Freundinnen aus unserem Gymnasium und sonst niemanden aus meinem Freundeskreis dorthin mitnehmen konnte, denn die hätten bestimmt gefragt: „Andrea, was machst du denn in dieser Schicki-micki-Hütte?“

Ich finde mich, auch wenn man mir das vielleicht nicht anmerkt oder ansiht, in jedem Ambiente zurecht, wenn die richtigen Leute dabei sind. Ich mag dort und da keine Oberflächlichkeiten. Aber mit Menschen, die ich mag, gehe ich gern überall hin und lasse mir deren Welt zeigen, die dann auch ein Stück der meinen werden kann, wenn ich sie spannend genug finde. Jetzt wäre ich gern mit Deiner besten Freundin in Kontakt, um mich mit ihr auszutauschen, aber trotz der modernen Internet-Technik kann ich sie nicht finden.

Wie oben erwähnt, fand ich Deinen Unterricht klasse. Ich hatte durch mein Handicap das Privileg, Förderstunden in den Hauptgegenständen und vor Abschlussprüfungen auch in den Nebengegenständen in Anspruch nehmen zu dürfen. So verschlüsselt, wie Du, wenn man darauf achtete, im Unterricht Hilfestellungen gabst, so tatst Du das auch vor meiner letzten Abschlussprüfung, der Prüfung in Geschichte. Es stand fest, dass bei der Prüfung jeder drei Fragen gestellt bekommen sollte, wovon er nur zwei beantworten musste. Wir durften uns zwei Fragen aussuchen,die wir Dir nennen konnten, und eine davon wurde dann auch gestellt. Wir hatten zusammen eine Förderstunde, in der wir eine Frage durchgingen, die ich mir nicht ausgesucht hatte. Also konnte ich davon ausgehen, dass ich diese Frage zur Prüfung bekommen würde. Darauf verließ ich mich, und darauf konnte ich mich auch verlassen. Du wusstest genau, dass ich diesen Wink verstanden hatte. Vielen Dank liebe Erika für diese großartige Hilfestellung.

Nach der Geschichte-Abschlussprüfung verließ ich das Abendgymnasium und arbeitete im „Dialog im Dunkeln“. Danach war ich spontan ein Jahr in Hamburg, wo ich ehrenamtlich in einem kleinen Theater arbeitete, und als ich nach Wien zurück kehrte, beschloss ich ein Buch zu schreiben,und ich beschloss auch, irgendwann in nächster Zeit nach Hamburg oder in eine andere Stadt in Deutschland zu gehen, weil mir wien nicht mehr gefiel. Ich schickte Dir 1997 das Manuskript,und als Du es gelesen hattest, telefonierten wir miteinander. Wir hatten einander ein paar Jahre nicht gesehen, und ich war irgendwie auch aufgeregt, als ich Dich anrief. Aber Du warst zu mir so wie immer, und ich war zu Dir wie immer. Du hast meine ersten Schreibversuche gnadenlos kritisiert, und ich fühlte mich im ersten Moment vorn Kopf gestoßen, weil ich an meinem Baby hing und geglaubt hatte, diese Autobiographie wäre ein super Buch, für das ich nur noch einen Verlag suchen müsste. Arschlecken. Du hattest mir diese Illusion mit ein paar Sätzen genommen, und ich war hm nicht sauer, aber so ein bissel beleidigt. Heute gehe ich mit derlei Situationen anders um als damals, heute würde ich mir das beleidigt sein ersparen. Immerhin hattest Du Dir die Mühe gemacht, Dir meine noch unspannend präsentierten Texte geduldig durchzulesen und mir mit Deiner vernichtenden Kritik zu sagen: „Mach bloß nicht den Fehler und blamiere dich vor einem Verlag.“ So habe ich diese Kritik nach dem ersten Anflug von Zerknirschtheit auch angenommen. Heute liegt das Werk immer noch auf meinem Computer und wartet auf einen Co-Autor, der es mit mir in eine spannendere Form bringt.

Kurz nach unserem letzten Gespräch ging ich nach Köln. Dort hatte ich alle Hände zu tun, um eine Wohnung und einen Job zu finden. Damals war das Internet noch neu, und ich hatte noch keine Ahnung im Umgang mit der virtuellen Welt. Zudem war ich im Job ge- und durch jahrelanges Mobbing überfordert. Da denkt man zwar an seine Freunde, aber man hat nicht die Zeit, um intensive Kontakte zu pflegen, auch wenn ich mich stets darum bemüht habe, das so gut wie möglich zu tun.

2006, als ich endlich wieder Zeit für mich, mein künstlerisches Tun und meine Freunde hatte, saß ich an diesem Computer, um Dich zu ergoogeln, so wie ich inzwischen auch andere Freunde und Freundinnen ergoogelt hatte. Gern hätte ich Dir eine Mail geschrieben, aber auf den Homepages zum Westernreiten konnte ich keine E-Mail-Adresse finden, an die ich Dir hätte schreiben können. Diese Homepage, auf der ich Dich gefunden hatte, war auch nicht ganz so blinden“freundlich“, also beschloss ich, mein Vorhaben auf einen Tag zu verschieben, an dem ich geduldiger sein würde.

Immer wenn ich das Lied bei Auftritten sang, das ich über Dich geschrieben hatte, fühlte ich unsere schönen Begegnungen wieder und wusste, in Dir eine Freundin gefunden zu haben, die ich im Grunde, auch wenn wir uns lange nicht gesehen hatten, nie verlieren würde. Du warst übrigens die einzige, die damit umgehen konnte, dass ich über sie einen Songtext geschrieben habe. Vielen ist das peinlich – sie empfinden es vielleicht als zu starke Aufmerksamkeit. – Aber Du konntest das ganz toll nehmen.
Leider konnte ich Dir das lied nicht mehr vorspielen.

Als ich von einer Ausstellung und einem schönen Auftritt aus Kassel zurück kam und den Anrufbeantworter abhörte, war ich wie vom Donner gerührt. Meine Schulfreundin aus dem Abendgymnasium berichtete mir, dass Du verstorben bist und auf welchem Friedhof Du begraben werden würdest. Während des Auftritts in Kassel hatte ich noch zu meinem Pianisten gesagt: „Die Erika muss ich jetzt aber mal anmailen.“

Ich werfe mir vor, dass ich mich so lange nicht bei Dir gemeldet habe. Wir hätten einander bestimmt noch viel zu sagen gehabt. Immerhin hast Du mir mehr anvertraut als den meisten anderen Menschen, denke ich, und das, obwohl Du, glaub ich, soweit ich das einschätzen kann, jemand warst, die für gewöhnlich nicht viel von sich preisgegeben hat. Ich weiß nicht, woran Du gestorben bist, und das zu wissen, würde auch an meiner Traurigkeit nichts ändern, nur an der Verarbeitung.

Ich denke nur, ich wär gern besser für Dich da gewesen und hätte gern Deine Mädels kennengelernt, die ich jetzt gern unterstützen würde, so gut ich kann. Deine ältere Tochter hab ich bei Myspace gefunden, aber ob sie mit mir in Kontakt treten will, muss sie selbst entscheiden.

Ich denke an all die Dinge, die wir zusammen hätten machen können, wenn ich den Kontakt nach meiner Schulzeit weiter intensiv gepflegt hätte. Aber ich war Dir nie böse, weil Du Dich nicht gemeldet hast, und Du mir bestimmt auch nicht. Ich war mir sicher, wir würden uns nie verlieren, und das, obwohl ich der verlustängstlichste Mensch vor dem Herrn bin. Wir Stiere, dachte ich, haben so einen Draht zueinander, dass wir einander im Herzen haben. Und als ich mit Dir wieder in Kontakt treten wollte, war es zu spät. Das schmerzt mich, seit Du tot bist.

Könntest Du mich jetzt im Himmel sehen – vielleicht kannst Du das ja auch -, dann würde ich Dir sagen, dass Du mich gelehrt hast, dass man nonverbal viel ausdrücken kann, Du hast meist im richtigen Moment Dein Statement abgegeben und warst eine gute Beobachterin, und ich würde Dir sagen, dass Du einer der wertvollsten Menschen für mich warst. Erika, ich vermisse Dich!


Samstag, 06.12.2008, 09:45
Als wir uns vor zwei Tagen trafen, hast du, bevor wir das Gebäude betraten, kurz im Gehen innegehalten und gesagt: „Das, was ich dir jetzt sage, wird dich schockieren: Er hat mich verlassen.“

Es war mir eine Stunde zuvor komisch vorgekommen, dass du auf meine Mail hin, ob du mit mir essen gehen möchtest, anriefst und sagtest: „Ich geh gern mit dir essen.“ Und ihn mit keinem Wort erwähnt hast. Instinktiv habe ich da schon gespürt, dass irgendwas passiert sein muss, diesen Gedanken habe ich, weil ich meinen siebten Sinn nicht immer ernst nehme oder das, was er mir sagt, nicht wahrhaben will, aber dann auch wieder von mir geschoben.

„Ich werde keine Fragen beantworten“, sagtest du, als wir das Gebäude betraten. Nun begann es, während wir uns in der Kantine über den Futtertrog her machten, in meinem Hirn zu rattern: Oh Gott! Scheiße! Warum hast du mich nicht angerufen, um mit mir zu reden. Ich könnte dir eine Stütze sein. Hat er eine andere? Wie konnte das kommen? Ihr wart für mich das Traumpaar schlechthin, und ich hätte nie geglaubt..

Wir setzten uns, sprachen erst mal über belanglose Dinge, und die einzige Frage, die ich stellte war: „Wohnst du noch in eurem haus?“

„Ja“, erwidertest du. Und dann brauchte ich keine Fragen mehr zu stellen.

Du warst dabei, als er sie kennenlernte. „Ist es nicht eine Belastung, im Job und privat zusammen zu sein?“ hatte sie gefragt.

„Ja, das ist es.“ Hatte er Erwidert, und du hattest in diesem Moment geglaubt, nicht richtig zu hören. Mir wäre es genauso ergangen.

Früher habt ihr immer darauf geachtet, einander den Tag über so oft wie möglich zu sehen. Für mich als Außenstehende wart ihr eine Einheit. Ihr habt einander ergänzt. Seit ich nicht mehr in der Firma arbeite, haben wir uns nur einmal gesehen, denn auch wenn wir einander noch so lieb haben, dir war dein Job und die Familie am Wichtigsten. Für anderes und andere hattest du keine Zeit. Das habe ich respektiert, und gleichzeitig habe ich dich jahrelang vermisst. Umso schöner war es für mich, dass wir jetzt – unter welchen traurigen Umständen auch immer – zusammen saßen und spürten, dass unser Draht immer noch derselbe ist wie vor drei Jahren.

Einen Tag, nachdem er sie kennenlernte, hat er dich verlassen und ist zu ihr gegangen. Was muss denn da davor passiert sein, habe ich mich gefragt, dass jemand so herzlos agiert?

Du hast jahrelang deine Mutter gepflegt, die gegenüber von euch im Altersheim war. Da rückten unweigerlich Mann und Kind ins Hintertreffen. Aber nun war doch die Mutter gerade verstorben, du dachtest, du könntest entspannen und dich wieder normal der Familie widmen. Und dann das.? Im Job hattest du eine Doppelbelastung, das hieß, nach der Arbeit zu Hause weiter zu arbeiten. Warum hat er dir nicht gesagt, dass er sich von dir vernachlässigt fühlte? Außerdem: Er arbeitet in derselben Firma und weiß, wie schwer du es hast und hattest. OK: Du warst immer der dominierende Part in Eurer Beziehung – jedenfalls fühlte sich das für mich als Außenstehende so an. – Ich empfand das aber nicht als negativ, nicht als Machtkampf, sondern es ist ganz einfach so, dass du im Tun und verbal sehr schnell bist. Bis jemand anderer eine Sache in sich aufgenommen hat, hast du sie längst zuende gedacht und erledigt. Da können dir wenige Leute das Wasser reichen, auch er nicht, auch ich nicht. Das habe ich immer an dir bewundert. Das kann aber auch bewirken, dass jemand das Gefühl bekommt, nicht genug Raum für sich beanspruchen zu können und sich als nicht gleichwertig zu empfinden. War es vielleicht das?

Er wollte euer Kind dazu bringen, bei ihm und ihr zu wohnen, indem er es mit Geschenken überschüttete – auch nicht fair, aber deshalb hat es auch nicht geklappt. – Kinderherzen sind eben nicht zu bestechen. Und während ihr letzte weihnachten krampfhaft versuchtet, wegen eures Sohnes auf heile Familie zu machen, legte er sich neben dich, während er immer wieder mit ihr telefonierte und SMSte, und u.a. sagte er: „Ich habe es überstanden.“ Wie gemein.

Während der Bürozeiten gibt er sich alle Mühe, dich nicht in Ruhe zu lassen. Er steht immer wieder unangekündigt in deinem Büro, und nicht selten hast du ihn desselbem verwiesen – würde ich auch tun. – Während ihr zusammenarbeitet, SMSt er gleichzeitig mit ihr. Wofür soll denn das gut sein?– Und warum muss er eigentlich dann auch noch mit seiner Neuen an denselben Tagen wie du in eurem Golf-Verein spielen? Könnte er denn nicht auch versuchen, dir aus dem Weg zu gehen, damit du nicht ständig dieser Belastung, ihm zu begegnen, ausgesetzt bist? Warum provoziert er deine Gefühle, warum trampelt er so darauf herum? Er hat doch jetzt, was bzw. wen er wollte. Warum reicht ihm das nicht aus? Das würde ich ihn gerne fragen.

„Wenn unser Sohn das Abi hat, wenn ich hier nicht mehr arbeite, dann werde ich...“, hast du zu mir gesagt. „Meine Beine schmerzen immer mehr, und was soll ich dann noch hier?“

Ich weiß, du kannst Hilfe gar nicht, bis ganz schwer, annehmen.

„Und was soll ich dann sagen?“ erwiderte ich. „Da müsste ich doch schon lange.. Ich hab keine Beziehung, und ich weiß, wie schwer es ist, sich selbst zu genügen und das auszuhalten. Aber das Leben ist mir wertvoll, und außerdem könnte ich mich nicht selbst verletzen, vorausgesetzt ich würde es wollen.“

„Gut, dass wir beide heute miteinander gesprochen haben“, entgegnetest du. „Jetzt muss ich gleich heulen.“

Ich war auch knapp davor, und ich bin sehr sehr traurig, weil ich dir all das, was da passiert ist und immer noch passiert, nicht ersparen kann. Wie gern würde ich dir all die Schmerzen nehmen, aber jeder Schmerz trifft uns allein. Er dupliziert sich eher noch im Mitfühlenden.

Geh so bald du kannst,in Rente, würde ich dir gern sagen. Genieße das Leben nach dem Job und tu Dinge, die du immer schon machen wolltest. Das wär eigentlich das Gesündeste in dieser Situation.

Es hat mich erschreckt, dass du, die ich als starke, selbstbewusste Frau kenne, solche Gedanken hegst und dein Selbstwertgefühl plötzlich nicht mehr da ist.

Gut, dass du dir fünf Minuten vor zwölf psychologische Hilfe gesucht hast. Freunde können einen in Extremsituationen zwar unterstützen, aber nicht weiter bringen – vorausgesetzt, du rufst sie an. -

Wie hat der Comedian Stefan Jürgens gestern im „ARD Morgenmagazin“ gesagt: „Ich kann ohne dich nicht leben.“, dieser Satz hat nur dann seine Berechtigung, wenn einer von beiden Pflegestufe drei hat. Ich musste laut lachen und mir diesen Satz unbedingt merken, denn er passte für mich gerade in deine Geschichte. Welche Wahrheit steckt darin..

Ihr wart eine sehr lange Zeit eine Einheit. Nun bist du deine eigene. Du bist nicht dadurch, dass er weg ist, nur die Hälfte wert.

In ein paar Jahren, wenn dein Kind aus dem Gröbsten raus ist, wird es dich immer noch brauchen. Man braucht und liebt seine Mutter so lange, wie man sie hat. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft es ist, seine Mutter zu verlieren (auch wenn meine Mutter nicht gerade die „Vorzeigemutter“ war). Das wirst du doch deinem Sohn nicht antun wollen. Oder?

Du wirst, wenn es dir psychisch besser geht, einen Weg finden, vieles zu machen, was dir Spaß macht – nicht für die anderen, so wie in den letzten Jahrzehnten, sondern für dich. – Und vielleicht fahren wir beide, wir starken Single-Frauen, mal zusammen auf Urlaub.

Ich werde dich auf jeden Fall nicht mehr in Ruhe lassen und auf dich aufpassen, so gut ich kann und so gut du es zuzulassen lernst.


Montag, 22.09.2008, 17:38
Unter

http://diepresse.com/unternehmen/austria08
könnt Ihr die ÖsterreicherInnen des Jahres wählen. Ich dachte, das könnte für Internetjunkees ganz interessant sein.
Lieben Gruß aus Köln Andrea


Mittwoch, 03.09.2008, 00:10
In unserem letzten Tanzstück "Körperkriege" ging es in einer Passage um folgendes: Was würde ich tun, wenn ich sehen könnte? Welchen Beruf würde ich ausüben? Was würde ich tun, von dem ich weiß, dass ich es aufgrund meiner Blindheit nun mal jetzt nicht tun kann? Ich würde mir ein Wohnmobil kaufen, um die Welt fahren - meistens ans Meer - und in den Städten Straßenmusik machen. Dann wäre ich ganz unabhängig und frei, könnte allein mit meinem Auto, meinem Hund und vielleicht einer Gitarre durch die Landschaft ziehen, und ich würde vielleicht auch das eine oder andere Bild malen, wenn mir die Worte fehlen würden, oder besser: wenn Worte mir zu eng sind, so wie jetzt. Dennoch starte ich den Versuch, ein sehr abstraktes, sehr unstrukturiertes und auch unfertiges Bild einer meiner liebsten Freundinnen, einer Frau, die so lange wir leben, meinen Weg kreuzen wird, in Worte zu fassen. Schon allein deshalb, weil ich immer
wieder von anderen gefragt werde: "Wie ist Nina Hagen denn so? Ist sie privat auch so durchgeknallt wie in der Öffentlichkeit?" Und weil ich es
nicht leiden kann, wenn Leute, die sie nur aus dem Fernsehen kennen, mir ihre vorgefasste Meinung über diese durchaus sensible und sehr verletzbare Frau überstülpen und mir unbedingt zu verstehen geben müssen, dass sie Nina nicht ernst nehmen und mich vielleicht im Stillen davon überzeugen wollen, dass auch ich es nicht tun soll. Ich hasse derlei Situationen, denn dann verfalle ich in die Rolle der Verteidigerin, weil ich nun mal jemand bin, die mit ihren Freundinnen und Freunden durch dick und dünn geht, die es nicht leiden kann, wenn jemand zu ihren Freunden respektlos und gemein ist, und weil mir vor den Argumentierern bei Nina Hagen die Argumente oft ausgehen, weil Worte eben viel zu eng sind, um diese charismatische Persönlichkeit zu beschreiben.

Es war 1995, damals wohnte ich noch in Wien. Eine meiner Lieblingsradiosendungen war damals immer noch "Treffpunkt Ö3", obwohl meine Lieblingsredakteurin dieser Sendung, meine Freundin Bettina Zens, 1985 im Ö3-Mobil, einem Interview-Auto, durch einen Autounfall ums Leben kam.

Nun, 1995 also saß ich zu Hause, träumte vor mich hin und hörte "Treffpunkt Ö3". Richtig hellhörig wurde ich erst, als der Moderator sagte: "Wer ein Lied von Nina Hagen singen kann, ruft am besten jetzt bei uns an und singt gegen eine Gegenkandidatin. Die Gewinnerin trifft übermorgen Nina Hagen bei uns im Studio."

Warum nicht? Durchs Telefon ein Lied von Nina singen, um sie kennenlernen zu können. Mache ich, obwohl die Qualität durchs Telefon scheiße ist. Gesagt, getan. Zwei Mädels, ich und noch eine andere, wurden also in der Vorauswahl dazu auserkoren, der Ö3-Öffentlichkeit gesanglich ins Ohr zu telefonieren. "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" eigentlich von Zarah Leander, aber viele kennen es gesungen von Nina Hagen. "Jetzt entscheidet das Publikum, wer von euch beiden gewinnt", hörte ich den Moderator sagen, legte auf und rief sofort drei Leute an, die ich bat, für mich abzustimmen. Und wenig später klingelte auch noch mal mein Telefon. Die Gewinnerin wurde im Radio und durch mein Telefon verkündet: "Andrea, du hast 70 / 30 % gewonnen, und du lernst am Montag Nina Hagen kennen." Ich kreischte wie noch selten in meinem Leben.

Ich hatte ein paar Jahre zuvor Ninas Buch "Ich bin ein Berliner" gelesen.
Meine Freundin Ingelore hatte es mir auf Kassette gelesen, weil es das Buch nicht als Hörbuch gibt. Ich wünschte, Nina hätte es als Hörbuch gelesen, denn auch während des Hörens hatte ich ihre Stimme im Ohr und fand die Stimme meiner Freundin, die ich sonst angenehm empfinde, störend. Irgendwie sagte mir immer schon mein Urin: Eines Tages lernst du Nina kennen. Da wird kein Weg dran vorbei führen. Nun, er tat es ja auch nicht.

Die nächsten zwei Tage ratterte mein Hirn. "Am besten", dachte ich, "sage
ich ihr sofort, dass ich Sängerin bin und sie sich entspannen kann, weil sie keinen durchgeknallten Fan vor sich hat, der hundert Autogramme haben möchte usw. usw." Ratter-ratter-Hirn. Ich setzte mich schnell hin und bastelte einen kleinen Anhänger aus Speckstein, den sie vielleicht als Talismann tragen könnte, und kurz vor der Sendung kaufte ich einen Blumenstock, weil ich keine Schnittblumen mag.

Was soll ich sagen? Wir waren sofort connected. Klar war ich ein bisschen
aufgeregt, aber Nina und ich, wir sind beide sehr natürliche Menschen, die
die Fähigkeit haben, genau so auf unsere Mitmenschen zuzugehen, wenn wir es denn wollen. Wir sind aber auch beide gut darin, die Schotten dicht zu machen, wenn es sein muss, und Nina hat durch ihren Promi-Status gelernt, den Menschen deutlich zu zeigen, mit wem sie gerade zu tun haben möchte oder auch nicht. Ich ging also natürlich und ohne Angst auf Nina zu und sagte: "Ich bin Andrea. Und ich bin Sängerin, also kein Hardcore-Fan." Wir lachten beide, und dann hatten wir zusammen einen schönen Abend bei Ö3. Das ausführliche Interview, das Nina damals gegeben hat, habe ich immer noch irgendwo in meinem Kassettenchaos.

An diesem Abend jedenfalls tauschten wir unsere Telefonnummern aus, um uns
zwei Wochen später in Hamburg bei einer Veranstaltung von PETA wiederzusehen - zwar nur kurz, aber wir umarmten uns, und ich guckte mir die Show dieser Tierschutzorganisation, bei der auch Nina Hagen mitwirkte, mit großem Interesse an.

Dann schrieb ich einen Songtext über Nina, und wir produzierten den Song im Studio von Florian Deutsch, dessen Verlag sich mittlerweile Flotainment
nennt. Mein Speckstein und die CD mit dem Lied, das ich damals zu Nina nach Hause schickte, die beiden sind ihr bestimmt nicht mehr präsent, denn Nina kriegt so viel materielles Zeug von ihren Fans geschenkt, dass dadurch bei ihr eine Art Reizüberflutung entstanden ist, und ich habe inzwischen gelernt, dass mir derlei Dinge im Umgang mit Nina Hagen oder anderen Musikerinnen auch nicht mehr so viel bedeuten müssen. Wenn ich meine Musik an bekannte MusikerInnen weitergebe, rechne ich aufgrund mehrerer Erfahrungen erst gar nicht mehr mit einer Rückmeldung. Auch Rückmeldungen werden mir immer unwichtiger, denn ich bin die, die zu meiner Musik stehen muss und steht, und ob sie Kollegen und Kolleginnen gefällt, ist genauso eine Geschmacksfrage wie beim ganz normalen Publikum. Früher dachte ich immer, es wär was besonderes, wenn meine Musik bekannte SängerInnen berührt. Mittlerweile weiß ich, es ist was besonderes, wenn sie Menschen berührt, egal welcher Klientel sie angehören.

Aber nun zurück zu Nina. Im Sommer 1996 sollte sie auf dem Donauinselfest in Wien auftreten, und ich war schon vor dem Auftritt ins Hotel eingeladen. Als ich dort ankam, begegnete mir gleich die Tussi von der Plattenfirma, die ich schon damals bei Ö3 nicht leiden konnte, weil sie sehr überdreht auf mich wirkte. Umso mehr genoss ich, dass ihr auch Ninas Manager nur sehr peripher Beachtung schenkte. Ich hingegen bekam schnell seine Aufmerksamkeit – er hatte mich auch bei PETA schon registriert.

Das Donauinselfest fiel leider an dem Abend buchstäblich ins Wasser.
Stattdessen gingen wir essen, und Nina und ihr Management beschlossen, mich am nächsten Tag zum nächsten Auftritt mitzunehmen.

Meine erste Fahrt in einem Tourbus habe ich sehr genossen, und als wir auf
der Burg Clam ankamen, war es für Nina schon Zeit, sich in
Auftrittsklamotten zu schmeißen und sich zu schminken. Das Konzert auf der Burg Clam war sehr schön, und danach wurden wir beide vom "Seitenblicke"-Team interviewt. "Seitenblicke" ist eine Sendung im ORF, in der nach kulturellen Ereignissen ein Einblick auf selbige gegeben wird - nicht so grottig boulevardmäßig wie z.B. "Exclusiv" bei RTL, es wird nicht verfälscht. Als ich traurig wurde, weil ich dachte, ich müsste jetzt Abschied nehmen und nach Hause fahren, sagte Nina: "Wenn Du willst, komm doch morgen mit auf eine Pressekonferenz nach München."

Das war eine sehr interessante, auf eine gewisse Weise seltsam beeindruckende Veranstaltung für mich. Wir kamen etwa eine dreiviertel
Stunde zu spät. Die Journalie saß schon artig im Presseraum, der von der Sitzplanung wie eine Schulklasse ausgestattet war. Will heißen, so zwanzig bis vierzig Journalisten - ich konnte es nicht einschätzen - saßen hintereinander in Sitzreihen und Nina und ich saßen ihnen gegenüber, sodass sie uns ansehen konnten und Nina sie ansehen konnte. Ich habe noch nie so eingeschüchterte Journalisten erlebt wie an diesem Tag in München. Nina hielt einen Monolog und nur selten wurden Fragen gestellt. Wenn jemand dann aber doch eine Frage stellte, glaubte ich zu bemerken, dass er / sie im Hinterkopf hatte: "Hoffentlich ist das keine blöde Frage, sonst zerreißt mich Nina Hagen gleich.", was auch passieren hätte können, aber es ist nicht passiert. Und als Nina nichts mehr zu sagen hatte, sagte sie: "Andi, sag du doch auch mal was." Ich berichtete von einem Verein, der dafür kämpfte, dass in Österreich Blindenführhunde zur Gänze finanziert
werden. Der Kampf ist immer noch nicht gewonnen.

Nach der Pressekonferenz fuhren wir mit dem Taxi zurück ins Hotel, und jede von uns legte sich vor die Glotze, um sich zu entspannen und auf den
Nächsten Tag in Karlsruhe vorzubereiten.

Wir verbrachten viel Zeit zusammen im Tourbus und in verschiedenen Hotels.
Und zwischendurch besorgte ich mir z.B. in Frankfurt und Hamburg eine gratis Übernachtungsmöglichkeit.

Frankfurt, Hessentag: Ich fuhr mit drei Leuten hin, die mir die kleine
Privatwohnung geliehen hatten, und als ich an den Backstage-Eingang kam,
geriet ich in die Fänge eines unkooperativen Bühnenordners. Damals hatte ich noch kein Handy. Ich erklärte dem Mann, ich sei eine Freundin von Nina Hagen und möchte bitte backstage, er möchte so gut sein und die Tourmanagerin Patty Unwin anrufen. "Nein, mach ich nicht." Dieser unschöne Zwischenstand zog sich über den Zeitraum von über einer Stunde. Ich stand schon weinend vor Wut vor diesem Idioten, weil ich mich machtlos fühlte und nicht verstehen konnte, wie man so unbeweglich sein kann. Plötzlich hörte ich Miller von der Vorband "Klein" von weitem zu seinem Kumpel sagen: "Da vorn steht die Andrea. Ich muss dringend pissen. Kümmere
dich bitte darum, dass sie hier rein kommt." Miller verzog sich ins Gebüsch und sein Kollege kam auf mich zu und sagte die erlösenden Worte: "Hallo, Andrea. Komm mit!" Patty, die Tourmanagerin, nahm mich in die Arme und sagte: "Heute Abend trinken wir aber auf die Aktion einen doppelten Sekt." Seither mag ich diese widerlichen Bühnenordner nicht, weil man von deren good Will abhängig ist. Mittlerweile hab ich aber, seit ich ein Handy besitze, auch ein klein wenig Verständnis für diese Herren.

Einmal, in Lübeck, hielt Nina mir, als ich in der ersten Reihe vor der Bühne stand, ein Mikro unter die Nase, und ich sang spontan die zweite Stimme mit. Oder sie erzählte mir im Hotel vom Ashram und ihrem Meister Babaji. Klar bekam ich auch das eine oder andere private Detail von Nina mit, aber privat ist eben auch privat.

Seit dieser langen Deutschland-Tour, auf der ich etwa die Hälfte der
Konzerte miterlebt hatte, sehen wir uns immer wieder. Die Abstände zwischen unseren Treffen sind meist groß, aber wenn wir irgendwo zusammen sind, dann stellt sich auch sofort die alte Vertrautheit ein. Anfangs hatte ich großen Abschiedsschmerz, wenn ich wusste, wir sehen uns lange nicht. Aber mittlerweile ist das kein Thema mehr zwischen uns. Nina gehört zu den Freundinnen, von denen ich weiß, ich werde sie nicht verlieren.

Vorgestern waren wir in Büchel, um für ein atomwaffenfreies Deutschland zu
demonstrieren und ein Friedenskonzert zu geben (nähere Infos:
www.myspace.com/atomwaffenfrei).

Ich hatte diesmal die Ehre, als ihr Support auftreten zu dürfen. Während
meines Auftritts stand Nina in meiner Nähe, um mir zuzuhören und zuzusehen, und als ich von der Bühne ging, sagte sie zu mir: "Du bringst mich aber auch immer zum Flennen, du alte Sau." "Hab ich Dir wieder mal die Schminke vom Gesicht gerissen?" fragte ich. "Ja, so ähnlich.", lachte sie und machte sich an die Arbeit. Nach dem regulären Auftritt mit ihrer Band trat sie noch mit Freunden aus dem Ashram auf, und ich setzte mich dazu und sang mit, denn einige Lieder kannte ich auch schon. Später hatten wir noch ein wenig Zeit für uns, und wir freuen uns schon aufs nächste Mal.

Wahrscheinlich ist es mir immer noch nicht gelungen, die Person Nina Hagen
zu beschreiben, eher noch das Verhältnis, das wir zueinander haben. Zwischen uns ist eine wortlose Verbindung, ein stilles Einverständnis. Wir sind natürlich auch nicht immer derselben Meinung, und wir leben beide zwei grundverschiedene Leben. Wären wir länger zusammen unterwegs, würden wir auch mal andere Dinge miteinander machen außer Show, könnten wir uns, glaub ich, sehr gut aufeinander einstellen. Ich muss z.B. nicht jeden Tag Fleisch essen. Würde Nina mich vegetarisch bekochen, würde ich dieses Geschenk gerne annehmen. Ich bastle mir auch meinen Glauben zu den verschiedenen Glaubensrichtungen zusammen, oder manchmal denke ich auch, dass es für mich zwar eine Fügung gibt, aber die Religionen basteln wir Menschen uns, um das Sterben später leichter zu ertragen, indem wir denken, es gibt ein Leben nach dem Tod. Aber wenn ich Nina mit den Leuten aus dem Ashram singen höre, dann ist für mich eine Energie da, eine Wachheit, die ich genauso nicht missen möchte, wo hingegen mir Kirchenlieder der Katholiken den letzten Nerv rauben. Der Buddhismus ist auch eine Religion, die mich interessiert. Aber mit all dem beschäftige ich mich viel zu wenig. Und trotzdem kann ich aus der Energie schöpfen, die mir Nina und die Babaji-Anhänger geben. Was mich allerdings gerade wirklich verwirrt ist, dass Nina hofft, Mc Kinney würde der nächste Präsident von Amerika, während mir Obama sympathischer ist. Das wollte ich sie eigentlich gestern beim vereinbarten Abendessen hier in Köln fragen. Aber dann waren wir beide noch so müde von der Veranstaltung in Büchel, dass wir uns lieber ins Bett legten, als einander bei einem Abendessen
müde anzuschweigen.

Nina ist eine Kämpfernatur, die an vielen Orten kämpft (siehe
www.myspace.com/whymeohlord),
und ich bin allein schon durch mein Handicap eine Kämpfernatur. Was Nina und mich zusammen hält ist, dass wir beide offen sind für das, was die andere macht und fühlt. Dass diese Freundschaft immer bleibt, das ist mir in diesem Leben auf jeden Fall sehr wichtig.