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Dienstag, 26.05.2009, 13:00
Hier der Link zu einer Story von mir:
http://forum.elli-e.de/showthread.php?p=110805#post110805


Wer sich mit Outlook auskennt, könnt Ihr bitte so nett sein und mir eine Mail an andrea@andreaeberl.de schicken mit Eurer Telefonnummer? dann ruf ich zurück. Vielleicht könnt Ihr mich ja vor der Gates-Machtlosigkeit bewahren. Liebe Grüße Andreaa


Mittwoch, 16.01.2008, 19:36
43 Jahre kennt er mich nun schon, und er kennt mich doch nicht.
Als ich im Brutkasten lag, brachte er mir die Milch, die Mama abgepumpt hatte. Als ich klein war, hat er mir zugehört. OK, dann hat er den Fehler gemacht, mich ins Internat zu schicken, und wir sahen uns nur am Wochenende. Er hatte zwei Jobs: Den Tagjob beim Bundesheer, den Nachtjob als Taxifahrer – auch kein leichtes Leben. – Er war der Ruhepol in der Familie, und ich war eher die Vatertochter, obwohl ich mehr mit meiner Mutter unternahm.

Als ich elf war, ließen meine Eltern sich scheiden. Sie hatten beide nicht den Mumm, es mir zu sagen. Das übernahm der widerliche Typ, mit dem meine Mutter fremd ging – der Vater eines Klassenkameraden -, der mich auf seinen Schoß zog und fragte: „Hilfst du zur Mama oder zum Papa?“
„Zu beiden!“ antwortete ich.
Und er: „Deine Eltern lassen sich scheiden.“

So wie mein Vater damals vor diesem Konflikt flüchtete, so tut er es heute immer noch.
Später, nachdem meine Mutter starb, hatte ich eine Stiefmutter, die mich nicht mochte. „Sei diplomatisch“, riet mir mein Vater. „Sie meint es nicht so.“
Wieder waren alle anderen wichtig, und ich sollte vernünftig und diplomatisch funktionieren. Ich war eh nur im Internat, und am Wochenende geduldet, schlief ich im Wohnzimmer, während mein Stiefbruder ein eigenes Zimmer hatte.
Dann war ich erwachsen und hatte eine eigene Wohnung. Vaters Harmoniesucht bewirkte, dass er meine Meinungen für sich ausblendete, Klamotten, die ihm an mir nicht gefielen, im Müll landeten, und ehe er sich mit meinen Ansichten konfrontieren hätte müssen, sagte er: „Das kannst du nicht beurteilen, weil du es nicht siehst.“
Mir wär lieber gewesen, er hätte gesagt: „Ich kann deine Meinung nicht akzeptieren.“ Dann hätte er wenigstens wahrgenommen, dass ich eine eigene habe.
Oder er merkte an: „Deine freundinnen sind alle zu extrowertiert. Die nutzen dich nur aus. Ich bin der einzige, der deine Blindheit nicht ausnützt.“
„Haha!“, dachte ich in solchen Momenten. „Du verwendest aber meine Blindheit, um meine Indiwidualität unter den Teppich zu kehren und dich mir so zu denken, wie du mich haben willst. Ganz schön bitter.“
Ich wohnte schon lange nicht mehr im Hause meines Vaters, als ich ihm erzählte, dass ich als Gastsängerin spontan mit Marla Glen auf Tur war und danach Freunde in Freilassing besucht hatte. Gewiss erwartete ich nicht von meinem Vater, dass er mit Marla Glen was anzufangen wissen hätte können. Die Tour registrierte er erst einmal gar nicht. Und auf die Freunde aus Freilassing bezogen fragte er: „Sind das Leidensgenossen?“
Ich schluckte und antwortete: „Außer dir leidet ja niemand drunter.“ Welch Wunder, dass mir dieser Satz in diesem Moment eingefallen war.
Als ich in der Talkshow „Ilona Christen“ eingeladen war, wollte ich meinen Vater dazu bringen, zum Thema „Schicksal als Chance“ etwas dazu zu sagen, wie er meine Blindheit heute sieht. Als ich ihn darum bat, nach Köln mitzufliegen, kam ihm nur in den Sinn, als Begleitperson fungieren zu können. Gegen die tatsache, dass mein Handicap für ihn ein Thema sein könnte, das man öffentlich ausdiskutieren hätte können, wehrte er sich.
1997 kündigte ich meine Wohnung in Wien und übersiedelte nach Köln.
Von hier aus schrieb ich meinem Vater eine Karte folgenden Inhalts: „Lieber Vati! Hab meine Wohnung in Wien aufgegeben und wohne jetzt in Köln. Liebe Grüße Andrea.“ Anders konnte ich mich damals dnicht von meinem Vater lösen, denn er hätte diesen Umzug bestimmt um jeden Preis verhindern mögen. Adresse und Telefonnummer muss ich wohl noch beigefügt haben, denn ein paar Monate später erhielt ich die Quittung: Einen Brief, in dem alles aufgelistet war, was mein Vater, seit ich von zu Hause ausgezogen war, für mich getan hatte, mit dem dazugehörigen Preis in ÖS. Ich beantwortete dieses Schriftstück, indem ich die Tätigkeiten auflistete und überall dazu schrieb: „Das hast du für mich getan, ohne dass ich dich darum gebeten habe.“, „Das hast du von selbst für mich getan.“ Usw. usw. Es gab nur einen einzigen „Posten“, um den ich ihn gebeten hatte. Alles andere hatte mein Vater mir aufgedrückt oder – wenn man es menschlicher ausdrücken möchte – als Gefallen für mich getan. Ich empfahl ihm in jenem Antwortsschreiben noch, sich bitte einen Psychotherapeuten zu suchen, damit er mit meiner Blindheit besser zurecht zu kommen lernen würde, und gab ihm zu verstehen, dass wir nur dann miteinander kooperieren könnten, wenn er mich mit all meinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten wahr und ernst nähme.
Ein halbes Jahr später trafen wir uns, sprachen uns aus, und danach schien alles OK – aus der Entfernung. –
Wenn wir uns in den letzten zehn Jahren trafen, dann höchstens für drei – vier Tage. Mittlerweilen unterstützt mein Vater mich finanziell manchmal aus freien Stücken öfter als früher und wirft mir derlei Dinge auch nicht mehr vor. Ich arrangiere mich damit, dass er das tut – oft hilft es mir enorm, um meine Ziele zu verwirklichen -, denn er hat eingesehen, dass man etwas, was man von sich aus für jemanden getan hat, dem anderen nicht ankreiden kann.
Aber: Er nimmt mich – das ist mir in den elf Tagen, die ich über weihnachten bei ihm war – menschlich immer noch nicht so ernst, wie ich geglaubt hatte, dass er mich inzwischen ernst nehmen würde.
Einmal sagte er: „Immer wenn ich dich sehe, muss ich neu lernen, mit dir umzugehen. Ich vergesse das immer wieder.“
Sowas trifft mich, denn schließlich kennt er mich am längsten von all meinen Menschen, und er müsste am Besten wissen, wie man mit blinden Menschen umgeht. Stattdessen benimmt mein Vater sich als wär ich ein Naturwunder. Und im Gespräch mit einer meiner Freundinnen, bevor mein Vater mich zum Flughafen brachte, sagte er: „Ich bewundere meine Tochter immer, wie schön sie das macht.“
Ääm, er wundert sich darüber, wie schön ich den Koffer gepackt habe? Wundert er sich darüber, wie schön ich mir die Schuhe und den Mantel anziehen kann?
Das klingt als hätte er gesagt: „Mua, hast du aber ein schönes Legohaus gebaut.“ Oder: „Toll hast du die Puppe frisiert.“
Ja, lieber Vati. Gell, du wunderst dich auch, wie schön ich am Computer mit den Buchstaben spielen kann, wie schön ich mit meinem Hund durch die Straßen laufe, wie geschmackvoll ich mich kleide, wie schön ich singen kann usw. Gell, Vati, schon alles toll bei so einem fünfjährigen blinden Mädi.
Wenn ich darüber nachdenke, würde ich am Liebsten laut schreien, weil ich darüber machtlos bin, dass mein Vater sich in seinem Bewusstsein mir gegenüber keinen Schritt weiterentwickelt hat.
Am Liebsten würde ich meinen harmoniesüchtigen, mit geschlossenen, träumerischen Augen durch die Welt gehenden Vater an den Schultern schütteln und fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Manchmal würde ich ihn sogar gern beschimpfen oder ihm eine Watschen rein hau’n. Stattdessen reagiere ich in solchen Situationen lediglich schnippisch - wie damals mit 15 -, weil ich mich in die Pubertät zurückversetzt und zugleich hilflos fühle. Und dann fragt er mich noch: „Warum bist du denn so schnippisch zu mir?“
Es würde weder nützen, meinem Vater eine Mail zu schreiben, um ihm - langsam zum Mitlesen - meinen Standpunkt zu erklären, noch würde es etwas bringen, mit ihm zum hundertsten Mal darüber zu sprechen, dass ich mich von ihm in völlig normalen Situationen, in denen mich alle anderen mir wichtigen Menschen ernst nehmen, wie ein Trottel behandelt fühle. Er würde die Welt nicht verstehen, wäre beleidigt und hätte das große Warum-Fragezeichen auf der Stirn stehen. Spreche ich ihn nicht drauf an, kriege ich Aggressionen, wenn ich an die Situationen denke, die in letzter Zeit stattgefunden haben, in denen mich mein Vater nicht ernst genommen hat.
Soll ich mir denken: Ich kann seine Haltung mir gegenüber nicht ändern, also Schwamm drüber? Soll ich den Ball flach halten und mich bei meinen Freunden, die meine Familie sind, darüber ausjammern? Dann aber fange auch ich an, ihn nicht ernst zu nehmen. Das entspricht nicht meinem Naturell.
Gut, dass ich in Köln wohne – weit weg von meinem Vater. – So holt mich dieser Kampf nur dann ein, wenn ich ihn kämpfen will: Wenn ich mit ihm telefoniere oder ihn mal in Österreich treffe. Die Wiederverwurzelung zwischen meinem Vater und mir, so wie ich sie mir gewünscht hätte, hat diese weihnachten jedenfalls nicht geklappt, und dieses Experiment starte ich nicht so schnell noch einmal.


Mittwoch, 14.11.2007, 02:05
Wie geht das vor sich
- Flirten ohne Augenkontakt?

Der Mensch gewinnt den weitaus größten Teil seiner Informationen über die Umwelt, über den Sehsinn. Die äußere Erscheinung spielt bei der Beurteilung von
Menschen und Dingen die wichtigste Rolle. In der kommerziellen Werbung bei Dingen, aber auch in der "Brautwerbung" bei Menschen, wird ganz gezielt an der
äußeren Erscheinung gearbeitet, um einen möglichst guten Eindruck auf den Betrachter zu machen. Dinge werden gereinigt, poliert, geschliffen, verpackt,
bemalt, um möglichst frisch und neu zu wirken.

Das gleiche gilt auch für Menschen, die sich für die "Brautwerbung" waschen, kleiden, schminken, rasieren, ihre Körper trainieren, um jung und attraktiv
zu erscheinen und um damit die eigenen Chancen auf dem Heiratsmarkt und auf einen potentiellen Partner zu erhöhen. Dieses Verhalten ist nicht neu, es ist
so alt wie die Menschheit selbst. Der Unterschied zu früher besteht nur darin, daß in unserer Mediengesellschaft mit Fernsehen, Video und Plakaten diese
Tendenz ins Maßlose gesteigert wird. Wir leben heute in einer durch und durch optisch ausgerichteten Gesellschaft.

Auf die Frage nach dem Wunschpartner kommt immer wieder die gleiche Antwort: "Auf die inneren Werte kommt es an." Aber wie sind diese zum Zeitpunkt der
Kontaktaufnahme zu entdecken, wenn sie innen verborgen sind?

Behinderte Menschen unterliegen bei der Partnerwahl den gleichen Mechanismen wie Nichtbehinderte; auch für sie gilt: Wer Eindruck auf andere Menschen machen
und gut ankommen will, muß sich möglichst vorteilhaft präsentieren können. Dann sind die Chancen am größten, nach den äußeren auch mit den inneren Werten
wie Charakter und Intelligenz für sich werben zu können. Es ist die äußere Erscheinung, die den Ausschlag gibt, ob es überhaupt zu einer Kontaktaufnahme
kommt, auch wenn das keiner zugeben mag, weil man befürchtet, als oberflächlich zu gelten.

Dieser Mechanismus hat zur Folge, daß es zwei Arten von Behinderungen gibt. Solche, die für die anderen deutlich sichtbar, und jene, die nicht auf den ersten
Blick zu erkennen sind. Dabei versteht es sich von selbst: Menschen mit deutlich sichtbarer Behinderung haben es wesentlich schwerer bei der Partnerwahl.
So stellen Sehbehinderung und Querschnittslähmung nicht nur eine Beeinträchtigung von Körperfunktionen dar, sondern können auch die zwischenmenschlichen
Kontakte, insbesondere im Intimbereich, wesentlich erschweren. Durch Rollstuhl, Blindenstock oder auffällige Verhaltensweisen stigmatisiert, passen sie
nur schwer in das Bild vom jugendlichen Märchenprinzen, der uns aus Fernsehen, Videoclip und von Werbeplakaten entgegenlächelt.

Sexualität beginnt nicht erst im Bett und endet nicht mit dem vollzogenen Beischlaf. Bereits die zarten Rituale der Annäherung wie auch der Nachkontakt
zählen dazu. Zwischenmenschliche Kommunikation beginnt lange bevor noch das erste Wort gesprochen ist. Der Sehsinn ermöglicht es, über eine größere Distanz
hinweg andere zu betrachten und Augenkontakt aufzunehmen, um herauszufinden, ob die eigenen Blicke erwidert werden und ob es so zu einer ersten Übereinstimmung
kommt.

Sehbehinderte Menschen sind hier eindeutig benachteiligt. Sie können den anderen nur schwer bis gar nicht eingehend betrachten, d.h. über die Konstitution
des anderen erfahren sie erst durch Erzählungen Dritter oder indem sie den Körper des anderen betasten, was in unserer distanzierten Gesellschaft äußerst
unüblich, ja geradezu verpönt ist und erst zu einem sehr fortgeschrittenen Zeitpunkt der Partnerwahl erfolgt. Der Augenkontakt ist für Sehbehinderte erst
aus allernächster Nähe bis gar nicht gegeben. Auch hier muß der/die Sehbehinderte erst "ran an den Mann", um zu erkunden, was man voneinander zu halten
hat.

Sehbehinderte meiden Orte, in denen sie sich nicht gefahrlos bewegen können. Discotheken, Lokale, Clubbings, aber auch viele Vereinslokale zählen dazu.
Es ist zu laut, was eine verbale Kommunikation verhindert. Es ist zu dunkel, was vielen Sehbehinderten die Orientierung erschwert. Die Baulichkeiten sind
unübersichtlich, die Toiletten nur schwer zu finden, überall muß man auf Stufen gefaßt sein. An Tischen, Stühlen und sonstigen Gegenständen kann man sich
stoßen und verletzen. Oft benötigt man eine Begleitung, um überhaupt zum Ort des Geschehens zu gelangen.

Dazu kommt noch, daß viele Nichtbehinderte einen weiten Bogen um Sehbehinderte und Blinde machen, um ihnen möglichst viel Platz zu bieten, was zwar die
Bewegungsfreiheit des Sehbehinderten erleichtert, die Kommunikation aber erschwert. Die Kennzeichnung mit Schleife und Stock signalisiert zwar die Sehbehinderung,
wirft aber viele Sehbehinderte sogleich bei der Partnersuche aus dem Rennen, weil die meisten Nichtbehinderten bei der Partnerwahl ohnehin schon unsicher
und überfordert sind und mit dem Stigma einer Sehbehinderung erst recht nichts anzufangen wissen.

Die Verhaltensforschung hat bestimmte Signale erkannt, auf die Menschen positiv oder negativ reagieren. Beispielsweise tragen Frauen Make-up, um ihre Hautfalten
zu kaschieren, die als Zeichen des Alters gelten. Sie benutzen Wangenrouge oder Lippenstift, weil sich diese Hautpartien bei Erregung rot verfärben und
anziehend auf Männer wirken. Männer hingegen rasieren ihre Gesichter und trainieren ihre Körper, vornehmlich Brust-, Schulter- und Oberarmmuskeln, um ihre
Jugendlichkeit und Männlichkeit zu betonen. Das richtige Schminken will jedoch gelernt sein, besonders für sehbehinderte und blinde Frauen. Vielen ist
es einfach zu schwierig und zu anstrengend und so verzichten sie darauf. Ohne Schminke schauen aber viele Frauen besonders am Abend bei grellem Licht fahl
und blaß aus.

Bewegungsarmut ist bei behinderten Menschen weit verbreitet. Die Gefahr, sich bei körperlicher Betätigung zu verletzten, ist vielen zu groß. Ein Mann, der
sich aber vor allem durch einen dicken Bauch und einen breiten Hintern auszeichnet, wirkt bei der Partnerwahl alles andere als attraktiv.

Gehen wir nun davon aus, daß der erste Kontakt geglückt ist. Nun beginnt die Phase der verbalen Kommunikation. Im allgemeinen eine besondere Stärke sehbehinderter
und blinder Menschen. Daran gewöhnt, die Dinge beim Namen zu nennen, um diese zu bekommen, sind sie in vielen Fällen Sehenden verbal überlegen, wodurch
sich diese überfordert fühlen. "Die oder der redet aber viel", denkt sich da so mancher. Nichtbehinderte wiederum üben sich oft im kommentarlosen Deuten
und Zeigen oder in der Babysprache ("Da, da!"). Mit solchen Kommunikationsformen können wiederum Sehbehinderte nicht viel anfangen.

Am Ende eines Abends stellt sich für alle Beteiligten die Frage, ob man gleich zur Sache kommen, d.h. die Nacht miteinander verbringen soll. Besonders behinderte
Frauen glauben, sich kein "Nein" erlauben zu dürfen, weil ansonsten die mühsam zustande gekommene Bekanntschaft sofort zu zerbrechen droht. Viele Behinderte
glauben, und es wird ihnen auch von den nächsten Angehörigen so vermittelt, daß sie froh sein müßten, wenn sich ein Nichtbehinderter überhaupt für sie
interessiert.

Vor diesem Hintergrund lassen sich vor allem behinderte Frauen vorschnell auf eine intime Beziehung ein. Scheitert dann eine solche Bekanntschaft, verstärken
sich die Minderwertigkeitsgefühle, weil man glaubt, nur benutzt worden zu sein.

Der sexuelle Kontakt ist ein Abbild der gesamten Beziehung im Kleinen, d.h. es kommt zur Annäherungsphase mit Flirten, zum Vorkontakt mit Petting, zum Hauptkontakt
mit dem eigentlichen Geschlechtsakt und zum Nachkontakt mit Streicheln und Halten. Grundsätzlich gehen Psychologen davon aus, daß alle Kontaktstufen durchlaufen
werden sollten, um sowohl den sexuellen Kontakt als auch die Beziehung insgesamt als befriedigend zu empfinden.

Haben behinderter und nichtbehinderter Partner nun den Willen zu einer dauerhaften Partnerschaft, ist der Einfluß des Familien- und Freundeskreises nicht
zu unterschätzen. Es mangelt sicher nicht an gutgemeinten Ratschlägen wie "Hast Du Dir nichts Besseres finden können?", "Überleg' Dir das noch einmal",
"Weißt Du überhaupt, worauf Du Dich da einläßt", "Das Leben kann doch mit einem nichtbehinderten Partner viel einfacher sein". Da wir alle nicht auf einer
einsamen Insel leben, sind wir auf die Rückmeldungen aus unserer Umwelt unser Verhalten betreffend angewiesen. So manche Partnerbeziehung ist aufgrund
solcher Äußerungen bereits zerbrochen, noch bevor sie sich richtig festigen konnte.

Sind auch diese Widerstände überwunden, kommt es darauf an, den Alltag richtig zu organisieren. Wer übernimmt welche Aufgaben, ohne daß sich der Behinderte
entmündigt vorkommt und der Nichtbehinderte ausgenutzt. Hier heißt es miteinander reden, um Spannungen bereits im Entstehen abzubauen; denn nichts kann
eine Beziehung so nachhaltig ruinieren wie der Glaube, das Opfer in einer Beziehung zu sein, das immer mehr gibt als es bekommt. Dann wird Neid und Mißgunst
gesät und Haß geerntet.

In jeder Paarbeziehung stellt sich sicher einmal die Frage nach dem Familiennachwuchs; und spätestens hier wartet sicherlich die größte Herausforderung
und Belastung auf das Paar, weil die gesellschaftlichen Vorurteile nirgendwo größer sind als hier. Wieder ist die Umwelt mit guten Ratschlägen schnell
bei der Hand: "Ihr habt doch mit Euch selbst genug zu tun, warum macht Ihr Euch noch mehr Schwierigkeiten als Ihr ohnedies bereits habt!"; "Was ist, wenn
Euer Kind auch behindert ist?" Diese Fragen gehen ganz tief, weil die gesellschaftlichen Vorurteile in den meisten Fällen auch in den Partnern selbst verankert
sind und eigene Zweifel dadurch von außen immer neue Nahrung erhalten.

Bei all diesen Schwierigkeiten entschließen sich viele behinderte Menschen entweder notgedrungen zum Single-Dasein oder beschließen, einen gleichfalls behinderten
Partner zu wählen. Die Probleme werden sicherlich damit nicht kleiner, nur auf eine andere Ebene verlagert.

Abschließend ein positiver Gedanke: Noch nie waren die Chancen für behinderte Menschen so groß wie heutzutage, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und
damit verbunden ist auch die Möglichkeit, die eigenen sexuellen Neigungen, die früheren Generationen behinderter Menschen schlichtweg abgesprochen und
vorenthalten wurden, zu entfalten und leben zu können. Lassen Sie sich nicht abbringen vom Recht auf eine erfüllte Sexualität und eine erfüllte Partnerschaft.

Halten Sie es wie der Präsident des Amerikanischen Blindenverbandes, der auf die Frage, wie er seine Frau kennenlernte, sagte: "It was love at first touch"
(Es war Liebe auf den ersten Griff).

Mag. Liliana Prerowsky

Aus: "RP - Info" 26/Jahrgang 7, August 1996
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.


Dienstag, 13.11.2007, 01:58
Eigentlich wollte ich schon gestern früh von den Boltenhagener Liedertagen loslassen und einen Abstecher zu einem befreundeten Pärchen nach Rostock machen, aber ich hatte verschlafen, denn die Nacht davor hatte ich bis 6.00 Uhr morgens mit vielen Leuten gesungen und schöne Gespräche geführt.

Ich quälte mich also kurz vor zwölf aus dem Bett, als der Chef vom Aurahotel Seeschlösschen an der Tür meiner Ferienwohnung klingelte und mich mit den Worten: „Eigentlich müsste die Wohnung schon um 10.00 Uhr leergeräumt sein.“ Begrüßte. „Ja, ich beeile mich. Entschuldigung!“ brummelte ich und fragte mich im Stillen, warum er mir das nicht kurz vor zehn, sondern erst gegen zwölf erzählte. Nun, gegen 14.00 Uhr verließ ich nach der Einpackprozedur, dem Auschecken, dem Hundegassigang, der kleinen Morgencola und der In-Empfang-Nahme des Lunchpaketes das schöne Ambiente, ein bisschen traurig darüber, dass die Tage so schnell vorbei gezogen waren.

Ich war erleichtert darüber, vom Taxifahrer zu hören, dass es außer mir ob der lang durchgefeierten Nacht offenbar an diesem Tage noch ein paar andere Chaoten gab. Der eine wollte eigentlich mit dem Taxi nach Wissmar fahren und stieg versehentlich in das ein, das nach Grevesmühlen fuhr, und der andere hatte am Bahnhof noch seinen Hotelzimmerschlüssel dabei, auf dessen Verlust ihn die Hotelchefin noch vor dem Haus aufmerksam gemacht hatte.

Ich selbst stieg tatsächlich in Grevesmühlen in einen Bummelzug ein, der mich nach Bad Kleinen brachte. Dort hatte ich eine Stunde Wartezeit auf meinen Zug nach Köln. Ich bat einen Herrn vom Servicepersonal der deutschen Bahn, mir eine Cola vom Kiosk in den Warteraum zu bringen und mir zu sagen, wie viel die Fahrt nach Köln kosten würde. Der gute Mann kam auch sehr bald mit der Cola und meiner Information zurück: „Die Fahrkarte kostet 42,-- Euro.“, sagte er. Ich zückte mein Geldbörserl und stellte fest, dass ich nur noch 40,-- Euro und ein paar Cent hatte. Das erzählte ich meinem Gegenüber von der Bahn. Für die Cola wollte er kein Geld haben. Er erwähnte sie gar nicht mehr, obwohl ich ihn im Laufe des Gespräches noch mal drauf stieß – eine sehr nette Geste. - „Der Geldautomat ist weit weg. Das ist ein langer Weg dorthin.“, sagte er. „Der Fahrkartenautomat ist kaputt, sonst könnten sie auch mit EC-Karte bezahlen. Klären sie das doch einfach mit dem Schaffner im Zug ab.“ Das nahm ich so hin, denn der Gedanke an meinen Rucksack, der ca. 25 Kilo wog und mein angekaterter Körper ließen nichts anderes zu.

So stieg ich denn eine halbe Stunde später in den IC Richtung Köln ein. Ein sehr netter Bahnbediensteter trug meinen Rucksack durch einen Waggon nach dem anderen, um dann auch eine 3Sitzerbank für mich zu finden. Ich postierte meinen schweren Rucksack auf dem Sitz neben dem Fenster, die Jacken auf dem Haken, den Hund unter dem Sitz, war froh, ein Clo in der Nähe zu haben, und als ich auch den Gang dorthin hinter mir hatte, setzte ich mich entspannt hin und machte mich über das Lunchpaket her.

Als ich mich gerade über das hart gekochte Ei her machte, stand eine Frau neben mir und sagte: „Die Fahrkarte!“ „Die hat die Höflichkeit auch nicht gerade gepachtet, ein „Bitte“ wär doch angesagt.“, dachte ich. „Ich muss eine kaufen.“, erwiderte ich. „Ich esse gerade. Einen Moment bitte. Die Fahrkarte Mit Bahncard 50 bitte.“ „Die Bahncard!“ sagte sie zwar leise, aber es klang trotzdem wie ein Komando. Ich legte mein halb geschältes Ei ins Sackerl zurück, tastete in meiner Jacke nach meiner Geldbörse und reichte der wortkargen Frau meine 17 Karten, damit sie die richtige raussuchen konnte. „41,-- Euro“, sagte sie. „Was für ein Glück, dass die Karte nicht mehr 42,--, sondern nur noch 41,-- Euro kostet.“, dachte ich, aber mir war unbehaglich zumute, weil mir die Frau auf Anhieb extrem unsympathisch war und ich das Gefühl hatte, das würde nicht gut gehen. Ich bat sie, die Bahncard für mich zu punkten und währenddessen zückte ich die 40,-- Euro, reichte sie der Schaffnerin und sagte: „Mehr hab ich nicht. Nur noch ein paar Cent. Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll.“ Sie: „Ja aber sie müssen die Karte doch zahlen.“ Ich: „Kann ich mit EC-Karte zahlen?“ Sie: „Nein, nur mit Creditkarte.“ Ich: „Hab ich keine.“ Sie: „Was machen wir jetzt? Soll ich Düsseldorf schreiben?“ Ich: „Aber sie können mich doch nicht wegen einem Euro in Düsseldorf raus schmeißen, obwohl ich nach Köln will.“ Sie: „Aber ich sehe nicht ein, warum ich für sie einen Euro zahlen soll.“ Da war ich schmähstad, fühlte mich in diesem Augenblick wie ein Sandler behandelt.

Ich hätte sagensollen: „Na gut, dann singe ich jetzt mal ‚ne Runde, dann wird mir vielleicht jemand für meinen Gesang einen Euro schenken.“ Oder: „Wenn sie jetzt einen Euro für mich bezahlen würden, dann hätten sie heute schon ihre gute Tat begangen. Morgen fahre ich extra ihretwegen die gleiche Strecke noch einmal, sofern sie Dienst haben, und dann fehlen mir ganze 41,-- Euro. Das wär dann die Chance für ihre zweite gute Tat an meiner Person.“ Oder ich hätte sagen können: „Mit ihnen diskutiere ich nicht weiter. Ich möchte bitte ihren Vorgesetzten sprechen.“ Stattdessen stand mir nur ein: Häää? Auf der Stirn geschrieben, denn mein Hirn musste erst in sich aufnehmen, was diese Schaffnerin da gerade von sich gegeben hatte.

Nach einer Pause sagte ich dann allerdings resignierend: „Na dann schreiben sie halt Düsseldorf.“ Und im Stillen dachte ich: „DIE sorgt sicher dafür, dass mich trotz des Personalwechsels, der irgendwo zwischen Norddeutschland und NRW stattfindet, zwischen Düsseldorf und Köln – knapp vor der Endstation - einer kontrolliert.“

In diesem Moment kam der rettende Engel. Der Mann vor mir zückte sein Geldbörserl, es klingelte, und ich spürte die Erleichterung über die bevorstehende nette Befreiung aus dieser beklemmenden Situation. „Was fehlt?“ fragte der junge Mann. „Ein Euro?“ „Ja, es scheitert an einem Euro“, antwortete ich bestimmt und laut, sodass es mindestens fünf andere auch noch hören konnten. „Wie möchten sie ihn denn haben? Groß oder klein?“ fragte er die Schaffnerin, was mir ein Schmunzeln entlockte, denn einer solchen Situation mit Ironie zu begegnen, das hat Größe. „Das ist mir wurscht. Ich möchte nur nicht einen Euro für die Dame zahlen müssen.“, antwortete die widerliche Tussi, der ich in dem Moment am Liebsten eine gescheuert hätte, und ging zu dem Mann, der ihr zwei Euro gab. Sie gab ihm einen zurück und schritt vondannen.

Ich bedankte mich peinlich berührt bei meinem Gönner und murmelte: „Na die ist aber drauf.“, wandte mich wieder meinem hart gekochten Ei zu und schüttelte in den nächsten Stunden innerlich den Kopf über dieses entwürdigende Verhalten der Schaffnerin.

Blinde Menschen dürfen gratis eine Begleitperson im Zug mitnehmen. Ich habe öfter schon Menschen, die kein Geld hatten, als Begleitperson mitgenommen, oder wenn sich jemand verfahren hatte und deshalb in den falschen Zug eingestiegen war, habe ich die Person ein Stück mitgenommen, nämlich bis zu meinem Umsteigebahnhof, der unsere Wege trennte. Und ausgerechnet ich sollte in Düsseldorf aussteigen – nur wegen einem Euro? – Es gibt ja auch die Möglichkeit, dass man seinen Ausweis herzeigt, die Schaffnerin die Personalien aufnimmt und man am Bahnhof mit einem Erlagschein bezahlt. Warum hat die Dame mich nicht auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht?

Es spielt in einer solchen Situation keine Rolle, ob jemand blind ist oder nicht. Ich hätte auch jemandem, dem beim Kauf einer fahrkarte ein Euro fehlt, den fehlenden Euro geschenkt. Ich habe kein schlechtes Gewissen der guten Tat wegen, die der junge Mann für mich getan hat. Ich schreibe die Story auf, weil ich das kundenunfreundliche Verhalten dieser frustrierten Schaffnerin nicht nachvollziehen kann. Sie hätte souveräner mit der Situation umgehen müssen. Hätte ich sie beschimpft, wäre ich eine latente Schwarzfahrerin, hätte ich den Waggon zertrümmert, könnte ich ihren Missmut verstehen. Aber so...?


Donnerstag, 01.11.2007, 01:12
Ich erinnere mich noch an meine Kindheit, als ich noch nicht wusste, wie man Tiefkühltruhe oder Kühl-Gefrier-Kombination überhaupt schreibt. Damals gingen wir Kinder am Samstag oder in den Ferien immer für meine Mutter einkaufen, die meistens zu faul dazu war, und weil wir gern Erwachsene spielten. Wenn nicht genug geld im Hause war, war es Gang und gebe, dass wir beim Kreißler aufschreiben lassen durften, was mir damals selbstverständlich vorkam und heute peinlich ist, wenn ich das mal in meiner Hausbäckerei so regeln muss. In meinem Single-Haushalt und auch in den Anfangs-WG-Zeiten gab’s einen ordinären Kühlschrank. Als ich nach Köln kam und fast alles verkauft hatte, da lagerte ich in den Wintermonaten Milch und konsorten auf dem Balkon, bis mir zu bunt wurde, dass die eine oder andere Flasche dabei zu Bruch ging. Dann hatte ich wieder einen Kühlschrank, bis ich mich abermals für den luxus einer Kühl-Gefrier-Kombination entschied, weil mich das Einkaufen im Supermarkt IMMER nervt. Ich brauche dort Hilfe, und nur in bestimmte Geschäfte, in denen mich die Verkäufer kennen und ich gemocht werde, gehe ich gerne. Ansonsten schiebe ich das Einkaufen raus, bis es wirklich sein muss. Also erschien mir diese Anschaffung als eine Notwendigkeit.
Was ich jedoch selten als Notwendigkeit empfinde, ist das Abtauen der Gefriertruhe, also des unteren Teils der Kühl-Gefrier-Kombi. Ich tat das gezwungenermaßen, als ich im April 2006 die Wohnung wechselte. Da hätte der Umzugsanhänger schlecht mit dem vielen Eis heil in meinem neuen Domizil ankommen können. Ich hatte mir von einem guten Freund eine Kühltasche geliehen, in der Hoffnung, dass die Lebensmittel von hüben nach drüben überleben würden, was ein Teil davon auch tatsächlich geschafft hat. Seither drückte ich mich vor dieser sinnlos langweiligen Zeitvergeudung.
Mein erstes kurz aufkeimendes schlechtes Gewissen bereitete mir mein Vater, der mich im Mai zum ersten Mal in der neuen Stadt besuchte. „Du musst den kühlschrank abtauen, denn sonst braucht er irrsinnig viel Strom.“
Von mir kam in dem moment nur ein erstauntes „Aha!“ und ein: „OK, mach ich, Papa, sobald die Gefriertruhe leer ist.“
Ein paar Monate später schrieb mein Vater mir eine E-Mail mit den Worten: „Ich mache mir Sorgen. Ich habe nämlich vor kurzem gelesen, da könnte etwas explodieren, wenn man den kühlschrank nicht abtaut.“
Ich antwortete ihm, er solle sich keine Sorgen machen und meiner Eh-scho’-Wissen-Antwort: „Da ist noch zu viel drin.“
Als meine Frreundin Hanna unlängst kam, um meine Wohnung zu putzen, erzählte ich ihr, was mein Vater mir zum Thema Gefriertruhen-Abtauen gemailt hatte.
„Da sollte er sich weniger Sorgen um Ddich machen, sondern eher um die Umweltverschmutzung.“, war ihr Einwand, und dass ich halt noch viel essen müsse, bevor die Truhe leer sei.
„Ja, das ist mir auch klar.“, erwiderte ich. „Aber schade um das gute Essen, wenn...“
Das nächste Signal setzte die Gefriertruhe vor ein paar Wochen selbst, als die Tür ein paar Stunden offen stand. „Ich werde wohl vergessen haben, sie zuzumachen.“, dachte ich und hoffte, sowohl meine Lebensmittel als auch ich würden das unbeschadet überleben. Vor ein paar Tagen wiederholte sich dieser unangenehme Umstand. „Zu viel Eis, ich weiß.“ Ich machte sie zu und hoffte zum zweiten Mal, dass die halb abgetauten Sachen wieder frieren und ich keine Lebensmittelvergiftung kriegen würde.
Heute Nachmittag stand die Tür der Gefriertruhe zum dritten Mal offen. Ich schüttete erst einmal unbeholfen Wasser in die oberste Schublade, um das Eis etwas zu reduzieren, damit die Tür wieder zugehen konnte. Aber als sogar ich das für ein sinnloses Unterfangen zu halten begann, erinnerte ich mich daran, dass Hanna mir den Ausschaltknopf für die Tiefkühltruhe gezeigt hatte. Ich fummelte an der Kühl-Gefrier-Kombination herum und fand ihn schließlich INNERHALB des Kühlschranks. Den Kühlschrank selbst ließ ich aber eingeschaltet, denn offenbar kann man – so hat mir das jedenfalls mein kumpel Rouven gesagt – die beiden Teile getrennt abtauen, und ich wollte ja meine Lebensmittel überleben lassen. Resignierend räumte ich die beiden großen unteren Schubladen leer und stellte die Lebensmittel neben der Abwasch auf den nieroster. Dann zog ich hilflos an der völlig vereisten oberen Schublade.
Mein Vater hatte gesagt: „Es geht schneller, wenn du Töpfe mit kochend heißem Wasser in die Gefriertruhe stellst.“ Also fülle ich geduldig seit Stunden Töpfe mit Wasser, stelle sie auf den E-Herd, warte, bis das Wasser kocht und stelle die Töpfe immer und immer wieder in die Gefriertruhe. Ich habe mich zwischendurch wie ein Kind, das ein Legohaus zustande gebracht hat, darüber gefreut, dass ich die untersten beiden Fächer eisfrei gekriegt habe. In der Zwischenzeit hab ich mich bekocht, um wenigstens ein paar Lebensmittel vor dem eventuellen oder sicheren Tod zu retten, und während einer solchen Aktion beschleicht einen ja auch ein gewisses Hungergefühl: Gordon Bleux, Pommes und Germknödel. Die Germknödel, ein paar Pommes und eines von drei Gordons warten immer noch darauf, gegessen zu werden. So viel kriegt doch ein einziger Mensch gar nicht alleine runter.

Und während ich diese Geschichte aufschreibe, dämmert es mir: Seit Stunden ist oben in der Tiefkühltruhe immer noch ewiges Eis. Die oberste Schublade steckt unverändert fest wie zuvor und hat immer noch denselben Schüttelspielraum. Also werde ich wohl doch die gesamte Kühl-Gefrier-Kombination ausschalten und die Nacht damit zubringen müssen, Wasser zum Kochen zu bringen, Töpfe in die Gefriertruhe zu stellen darauf zu warten, dass das Eis endlich zu Wasser wird.

Hat vielleicht jemand, der zu dieser späten Stunde noch wach ist, einen Tipp, wie ich diesen Vorgang beschleunigen kann, um meine Lebensmittel (Hauptsächlich Kartoffelbällchen, Pommes, Kartoffeltaschen, eine Gemüsepizza und ein paar kleiner Dosen, dessen Inhaltsbeschaffenheit ich nicht ergründen kann) am Verrecken zu hindern? Ich wäre Euch sehr dankbar.

Herzlichst Andrea


Sonntag, 21.10.2007, 02:37
Ich werde von drei Weckern gleichzeitig aus dem Schlaf geholt: Der sprechenden Armbanduhr, dem sprechenden Wecker und meinem Handy. Die drei sind – betrachte man die folgenden Gedanken und die darauf folgenden Geschehnisse – sehr sanfte Zeitgenossen, dennoch ignoriere ich sie fast eine Stunde hindurch, ehe ich mich zu meinem ersten Gedanken durchringen kann: „Scheiße! Ich muss gleich mal auf meinem Konto nachprüfen, ob die Gage vom Kirchentag schon da ist.“

Schnell – für meine Morgenmuffelverhältnisse – springe ich aus dem Bett, schnappe Smokeys Leine, befestige sie an ihrem Halsband und gehe mit ihr in den Hof. Kirchentag-Gage hin oder her, erst mal ist mein Hund dran. Danach hab auch ich kurz Zeit, mich zu entwässern.

Heute gibt’s erst mal keinen Kaffee. Ich fahre den Rechner hoch und überprüfe mittels Onlinebanking den Stand der Dinge. Dann rufe ich meinen Handy-Anbieter an und bitte darum, mir Zahlungsaufschub zu gewähren, denn mein Kontostand gibt - trotz Monatsanfang (wir schreiben den dritten Juli) - keine neuerliche Abbuchung mehr her.

die Kirche hat die Gage immer noch nicht überwiesen. Ich hatte gestern schon mal angefragt, aber den zuständigen Herrn, der mit mir den Vertrag durchgecheckt und ihn für mich an die Organisatoren weitergeleitet hatte, nicht erreicht. Wir hatten am Kirchentag am 6. und 8. Juni am Tanzbrunnen unsere Auftritte. Es waren sehr schöne Gigs, am zweiten Tag hatten wir etwa 200 klatschende und groovende Jugendliche. Die Stimmung war toll, und ich möchte die beiden Auftritte nicht missen. Aber davon kann ich mir in diesem Moment nun mal nichts kaufen. „14 Tage nach Auftrittstermin wird Ihnen die Gage überwiesen“. So oder so ähnlich stand es jedenfalls im Vertrag. Die 14-Tages-Frist war am 25.6. abgelaufen, aber ich dachte: „Die Organisatoren vom Kirchentag haben viel nachzubereiten.“ Da wollte ich großzügig sein und den Damen und Herren noch ein paar Tage Zeit lassen. Wieder erreiche ich Herrn M. nicht, bitte aber eine seiner Kolleginnen, mir die Telefonnummer der Kirchentagsgeschäftsführung rauszusuchen, um selbst dort nachzuhaken. „Sie müssen uns eine Rechnung schreiben, sonst kriegen Sie kein Geld.“, lautet dann die einsilbige Ansage der dortigen Buchhalterin, die man aufgrund der provozierenden Monotonie ohne weiteres durch ein automatisches Sprachsystem hätte ersetzen können – Nur so als Sparmaßnahme für den evangelischen Kirchentag. - Die Einzelheiten des weiteren Gesprächsverlaufes möchte ich Euch lieber ersparen. Es sei hierzu nur angemerkt, dass ich aufgrund des Wurschtigkeitstons der typischen Bürokratin am anderen Ende der Leitung noch mehr in Rage gerate als ich es sowieso schon ursprünglich nach der Realitätserkenntnis meines Kontostands war und ich am Ende nur noch gegen diese Frau, die Bürokratie, meine Unfähigkeit, eine Rechnung zu schreiben vergessen zu haben, und meine Machtlosigkeit all diesen aufgezählten Gegebenheiten gegenüber anbrülle, bis die Dame nur noch sagt: „Ich maile Ihnen die Daten zur Rechnung.“ Und auflegt.

Bevor ich realisiere, dass es höchste Zeit ist, mich unter die Dusche zu schwingen, lese ich die Mail einer freundin, die mich amüsiert, aber selbst dieser Mail gelingt das in diesem Augenblick nicht so richtig. Trotz meiner Eile schreibe ich meiner Freundin noch schnell, was ich gerade erlebt habe, um es loszuwerden und mich verstanden fühlen zu dürfen, und gleichzeitig hoffe ich, sie kann meine schlechte Laune ertragen und lässt sich davon nicht anstecken.

Nun bewege ich mich in die Küche, um schnell einen Kaffee zu trinken. Und plötzlich realisiere ich die Relikte des Vortags. „Ich gehör in diesem Schuppen schon fast zum Inwentar. Auch der boden klebt so eklig, wie das hier immer war“ von Anne Haigis singe ich ironisch vor mich hin, nehme ein feuchtes Tuch und beginne die Cola vom Boden zu entfernen, die sich gestern abend vorm Ins-Bett-gehen in der küche verteilt hatte - A lovely day. – Zum Glück war das Glas nicht kaputt gegangen. Vor ein paar Monaten hatte ich - oder jemand anderer - einen Kaffeebecher auf meinem Schreibtisch stehen lassen, der mir beim Entsorgen aus der Hand rutschte und dessen Einzelheiten sich um 1.00 Uhr nachts im Zimmer verteilten. Ich musste aber doch mein Bett raus ziehen, das dadurch eine Nacht lang in Scherben stand. Schließlich kann man um 1.00 Uhr nachts niemanden mehr um Hilfe bitten, und so betete ich in jener Nacht nur, dass Smokey, meine Blindenführhündin, sich einen ungefährlichen Platz in meinem Zimmer Suchen würde.

Gestern hat es das Schicksal gut mit mir gemeint, und das Glas ist noch ganz.

Es klingelt sturm an der Tür. Ich ahne, es könnte der Postbote mit meinem Päckchen von Tina sein. Und schon höre ich ihn die Treppe hoch schnaufen. „Ein Päckchen“, sagt die Dampflock. „Ich leg’s hier hin.“, und schon liegt mein Päckchen etwa fünf Meter von mir entfernt irgendwo im Hausflur. „Ist es Ihr Job, das Päckchen fünf Meter von mir entfernt im Flur hinzulegen?“ herrsche ich den Mann an.“ „aso“, erwidert er, nimmt es in die Hand und übergibt es mir mit den Worten: „Sie haben’s doch jetzt.“ In diesem Moment bin ich sprachlos.

Sorry, egal, ob jemand blind ist oder nicht, ich empfinde es als unhöflich, jemandem ein Päckchen oder einen Brief im Hausflur zu parken, wenn die Person in der Tür steht, bereit, die Post entgegenzunehmen.

Danke! Wunderbar, denke ich und bin abermals auf 360, äh ‚tschuldigung! auf 180.

Ich trinke meinen Kaffee, springe unter die Dusche, versuche mich runterzuholen, schlüpfe in die Wäsche, packe meine sieben Sachen und den Hund und verlasse die Wohnung. Dabei hätte ich mich doch am Liebsten gleich wieder ins Bett gelegt, um mir den Rest dieses widerlichen Tages zu ersparen.

Draußen regnet es, und mir und meiner Hündin Smokey fällt es schwer, uns zu bewegen. Und: Warum nur war ich gerade unter der Dusche?

Trotz Warnstreiks der Bahn erwische ich pünktlich meinen Zug nach Düsseldorf. Dort angekommen finde ich auch relativ schnell ein Opfer, das mich an die Bahnhaltestelle bringt. Ich bin erleichtert und beginne langsam, dem Tag was Positives abzugewinnen. Michael holt mich an der Straßenbahnhaltestelle nahe der Uni ab und spendiert mir ein belegtes Brötchen, weil ich zuvor noch keine Zeit zum Essen gefunden hatte, und ich komme – trotz Konzentrationsschwierigkeiten ob der Tagesumstände – gut durch den Versuch.

An der Uni Düsseldorf wird gerade von mehreren Blinden ein System getestet, über das man als Blinder Gegenstände durch Sunds hören kann. Man hat eine Brille mit Kamera auf. Die Kamera identifiziert den jeweiligen Gegenstand und über ein Laptop wird das Bild in Synth-Sounds umgewandelt, die im Kopfhörer als solche ertönen.

Michael bringt mich zur Bahnhaltestelle, und es ist trocken, ja fast sonnig. Ein Drücker auf die Uhr verrät mir allerdings, dass ich den relativ schnellen Regionalzug nicht mehr erreichen werde, also arrangiere ich mich von vorn herein damit, die langsame S-Bahn zu nehmen.

Ich verlasse die Straßenbahn und frage draußen ein paar Jugendliche, ob sie mich zum Bahnhof und ans richtige Gleis begleiten könnten. „Wir wissen nicht, wie das geht“, erklärt mir einer der Jugendlichen. „Aha“, erwidere ich. Es geht schon wieder los... Schließlich finde ich eine Frau und deren jugendliche Tochter, die mir auf eine sehr unkomplizierte Weise den richtigen Weg zeigen und die sogar die gleiche bahn brauchen wie ich.

Da sitze ich nun in Gedanken versunken bis... ja, bis die Stimme aus dem Lautsprecher ertönt: „Nächster Halt Langenfeld. Dieser Zug endet hier.“ „F*ck!“ höre ich mich impulsiv vor mich hin tröten. „Entschuldigen Sie, das konnte ich auch nicht ahnen.“, erwidert die hilfsbereite Frau, die, wie sich in den nächsten Sekunden herausstellen wird, in Langenfeld auch schon ihr Ziel erreicht hat. Deshalb ist ihr bestimmt auch nicht aufgefallen, dass diese S-Bahn nicht nach Köln durch fährt. Beschämt sage ich nur noch: „Das macht überhaupt nichts. Das ist so ein Scheiß-Tag heute. Warum soll der denn gut weiter gehen?“ und lache.

Wir steigen aus, und ich warte auf die nächste S-Bahn. Ein junger Mann kommt auf mich zu. „Entschuldigen Sie“, lege ich abermals los. „Können Sie mir bitte Bescheid sagen, sobald die nächste S-Bahn nach Köln kommt?“ „Den Zug hören Sie ja.“, erwidert er.

Das passiert öfter, dass unerfahrene Passanten mir erzählen, was ich selbst wahrzunehmen habe, oder sie fragen auch: „Warum soll ich Ihnen denn helfen? Sie haben doch ihren Hund dabei. Lernt der noch?“ Besonders kreativ finde ich, dass viele Straßenpassanten – quasi als „Gegenleistung“ für ihre Hilfe – von mir erwarten, ihnen ein paar Eckdaten zu meiner Blindheit mitteilen zu sollen, als wäre ich gerade dem Affenkäfig eines Zoos entschlüpft. Alles Dinge, die man täglich braucht. Morgens erwidere ich: „Sorry, ich bin morgenmuffel. Fragen Sie mich das bitte in ein paar Stunden?“ und später weise ich die Menschen, wenn ich keine Lust habe, mich offenzulegen, darauf hin, dass meine Blindheit nur ein kleines Detail in meinem Leben ausmacht und ich mich nicht dazu berufen fühle, täglich allen, die „das nicht gewohnt sind“ (für mich) unwesentliche Feinheiten aus meinem Privatleben preiszugeben. Das klingt dann ungefähr so: „Sorry, aber auch ich habe eine Privatsphäre!“

Klar, wenn jemand z.B. in einer Kneipe oder auf einer Party erst einmal länger mit mir gesprochen und damit signalisiert hat, dass er sich für meine Person interessiert, bin ich willens, diesen Menschen behutsam Auskunft zu erteilen. Aber denen, die sich wie die Hyänen sensationslüsternd auf mich stürzen, weil sie noch nie mit einem blinden Menschen gesprochen haben, fühle ich mich nicht verpflichtet.

In diesem Moment schockiert mich wahrlich nichts mehr. „So ‚ne blöde Antwort hat mir auch schon lange keiner mehr gegeben.“, und während er sich umständlich an meinem Rücken zu schaffen macht, füge ich noch: „Außerdem wäre es nett, wenn Sie meine rechte Hand auf die Tür legen könnten, aber bitte, ohne mich von hinten anzufassen.“ Hinzu. Als der Zug einfährt, nimmt der junge Mann mit seiner rechten Hand meine rechte Hand und legt sie auf die Tür, während er mich mit der linken von hinten anzuschieben versucht. Ich sperre mich und sage: „Ohne mich von hinten anzufassen.“, und die Situation entlockt mir sogar ein Lächeln. Er entschuldigt sich, fühlt sich ertappt, grinst über seine eigene Tollpatschigkeit, und jeder von uns geht in der Bahn seinen eigenen Weg.

Endlich bin ich am Zielbahnhof Köln Messe Deutz angelangt. Endlich geht’s nach Hause. Aber zuvor frage ich noch auf dem Bahnsteig jemanden, in welche Richtung es zur U-Bahn geht. Das heißt: Ich versuche, ihn zu fragen, komme aber gar nicht dazu, denn der Mann stammelt die ganze Zeit was von: „Ich muss in meinen Zug einsteigen.“, wofür ich natürlich Verständnis habe, aber hätte er mir zugehört, hätte er nur „Links!“ oder „Rechts!“ sagen müssen, denn damit hätte er mir schon geholfen. Nun, ich frage den nächsten. „Ich muss in meine Bahn.“, erwidert er. „Ich wusste gar nicht, dass da Ihr Name drauf steht.“, entfährt es mir. Im nächsten Moment denke ich: „Oh Gott! Heute hab ich ja überhaupt keine Nerven.“, und ich ärgere mich über meine kleine Unverschämtheit und darüber, dass ich mich schon seit Stunden mies gelaunt und am Liebsten Gift und Galle spuckend auf die Menschheit loslasse. Hierzu sei – zu meiner eigenen Verteidigung – erwähnt, dass ich gereizt bin, weil immer wieder Straßenpassanten, die ich um Hilfe bitten wollte, an mir vorbei gelaufen sind und ich mich ihnen immer mehr ausgeliefert fühle. Machtlosigkeit ist eine der Unzulänglichkeiten des Lebens, die ich nicht ertragen kann.

Irgendwie lande ich schließlich doch an der U-Bahnstation. Irgendjemand hat sich wohl ein Herz gefasst und mich in die richtige Richtung geschickt. Es gibt ja doch noch nette Menschen zwischen Düsseldorf und Köln.

Zu Hause angelangt stille ich zu allererst unsere Hunger – Smokeys und den meinen -, ehe ich mich an den Computer setze, um in meine Welt zu entfliehen, um zu gucken, ob mir nette Menschen geschrieben haben, um Musik zu hören oder zu machen..., um diesen mühsamen Tag endlich mal hinter mir lassen zu können. Ich beginne mich zu freuen, aber diese Freude wird jäh durch eine technische Störung außer Kraft gesetzt. Ich komme nicht ins Internet, und bei meinem Anbieter „Netcologne“ ist sogar der Telefonanschluss unerreichbar.

„Ich bin müde und schon im Bett. Ich habe so vielgemacht heute“, SMSt mir meine süße freundin, der ich vor Stunden meine Launen um den Hals gehängt hatte. „Gute Idee“, antworte ich. „Ich bin so platt vom heutigen mühsamen Tag, von meiner eigenen Genervtheit und dieser aufgrund des dünnen Nervenkostüms hervorgerufenen nicht aufhörenden Aggression, von den Leuten auf der Straße, der viel zu langen Zugfahrt... Ich gehöre auch ins Bett. Schlaf gut und lass Dich bitte von meiner schlechten Laune nicht anstecken.“


Dienstag, 16.10.2007, 22:50
Wir - und unsere Hunde - begegneten einander öfter auf dem langen Grünstreifen einer Kölner Straße. Meistens war sie wortkarg und ich auch. Vielleicht war sie - genau wie ich – gerade aufgestanden und hatte, wie ich, noch nicht gefrühstückt. Ich stand um diese Zeit oft im Schlafanzug und einem langen Mantel vor ihr, froh darüber, jemanden zu treffen, der mir meiner Blindheit wegen keine blöden Fragen stellte, und sie war vermutlich froh darüber, dass mal eine Frau vor ihr stand, die sie nicht an ihrem Gesicht erkannte.

Manchmal war ich mir nicht sicher, ob sie „nur“ meine Hündin oder auch mich wahrnahm. Sie wirkte, als wäre sie gerade in ihrer eigenen Welt, in der niemand sie stören durfte. Ich selbst bin auch gern in meiner eigenen, Kreativwelt, aus der ich nicht raus mag, und ich ärgere mich über mich selbst, wenn ich mich aus Höflichkeit oder weil ich Hilfe brauche, von innen nach außen treiben lassen muss. Deshalb konnte ich sie, ohne dass wir jemals darüber gesprochen hatten, gut verstehen.

„Ich bin’s, das Frauchen vom Hansgünther“, war ihre Art, mich zu begrüßen, und beim ersten Mal dachte ich: „Wie kann man nur so blöd sein und seinen Hund Hansgünther nennen.“

Irgendwann sagte mal jemand während eines Spazierganges: „Hier wohnt Mariele Millowitsch.“
„aha“, antwortete ich.

Dann zog ich in einen anderen Stadtteil, und wir begegneten einander lange Zeit nicht.

Vor zwei drei wochen etwa stand sie – wieder auf dem langen Grünstreifen – vor mir: „Ich bin’s, das frauchen vom Hansgünther“ Meine Freundin, die dabei war, sagte ein paar Straßen später: „Das war Mariele Millowitsch.“ Und ich sagte wieder: „Aha!“

Jetzt konnte ich also diesem Frauchen vom Hansgünther einen Namen und ein paar Filme, die ich mir anzuschauen schnell abgewöhnt hatte, zuordnen. Z.B. „Nikola“: Diese Art von Fernsehen – da bleibt der blinden Zuschauerin zu viel verborgen. Aus diesem Grund langweilen mich Comedy-Serien.

Heute begegneten wir einander wieder. „Nicht erschrecken. Ich bin’s, das Frauchen vom Hansgünther.“ begann sie. „Kann ich Ihnen helfen?“ Und dann begleitete sie mich zur Straßenbahn. Ich kannte den Weg, aber ich freute mich darüber, dass sie mir Gesellschaft leistete. Irgendwann sagte ich: „Smokey wäre ein schöner Hund fürs Fernsehen...“, um ihr zu signalisieren, dass ich inzwischen Bescheid weiß. Im Nächstn Moment bemerkte ich, wie ungewohnt unbeholfen ich mich angestellt hatte.

Es entstand ein schönes, offenes Gespräch, und ich erkannte, dass Mariele eine frau ist, die sehr viel von anderen Menschen wahrnimmt. Ich hätte mich gern länger mit ihr unterhalten.
„Pass auf dich auf“, sagte sie, als ich in die Straßenbahn einstieg.
„Du auch. Danke!“ antwortete ich.

Wir sind uns später nie wieder begegnet – zumindestens hat Mariele mich nie wieder angesprochen. - Schade, dass wir, als ich in der langen Straße mit dem langen Grünstreifen gewohnt hatte, nicht schon früher so intensiv miteinander gesprochen haben.

Mariele hat mich nie wie eine Blinde behandelt und ich sie nicht wie einen Promi. Man sieht eben mit dem Herzen gut.


Montag, 15.10.2007, 16:30
Viel zu spät aufgestanden, trete ich, nachdem ich die Sendung „Menschenbilder“ auf Ö1 zuende gehört habe, gegen 15.00 Uhr vor die Tür. Meine Blindenführhündin Smokey und ich freuen uns an diesem schönen Herbstnachmittag auf einen langen Spaziergang und ich mich darauf, ein letztes Mal in diesem Jahr ein Frühstück im Freien genießen zu können.

Während ich unbekümmert den Park entlang laufe, spricht mich ein Typ an: „Sie steuern direkt auf eine Bank zu.“

Ich bedanke mich und setze mich zu ihm. Er spielt mit Smokey, wirft Stöckchen, und wir führen ein belangloses Gespräch. Nach einiger Zeit vermittelt mir mein Magen: Hunger! Smokey und ich gehen zurück zumKaffeehaus, an dem wir auf dem Weg zum Park zuvor schon vorbeigegangen waren.

Ich kann gerade noch den Tisch in der allerletzten Ecke des Vorplatzes ergattern- einer der Gäste zeigt mir diesen Platz. - Hier fühle ich mich auch ins letzte Eck gedrängt – abgeschoben, wie man das als Blinder oft wird, damit die anderen Gäste sich nicht durch den Anblick eines blinden Menschen oder an dessen Essgewohnheiten stören können. - Diesmal ist mein Unbehagen jedoch, wie ich mit der Zeit durch viele Stimmen um mich herum wahrnehme, unbegründet, denn alle Plätze sind besetzt. Dann warte, warte und warte ich auf die Kellnerin.

„Bitte schön?“

„Ich hätte gern einen frisch gepressten Orangensaft, einen Milchkaffee und...“

„Ob wir noch Orangen haben, muss ich schauen.“, unterbricht sie mich.

„Und ein belegtes Brötchen.“

„Ob wir noch Brötchen haben, muss ich auch erst schauen.“

„Okay, dann schauen Sie mal.“

Während ich vor mich hin SMSe, kommt mein Orangensaft.

„Danke!“, sage ich aufmerksam und SMSe weiter.

Dann kommt lange wieder nichts und irgendwann doch die Ansage, dass es noch belegte Brötchen gäbe: „Womit möchten Sie’s denn?“

„Womit haben Sie?S“

„Mit Schinken, Salami oder Käse.“

„Dann mit Salami, bitte.“

Schleppend trudelt mein Brötchen ein. Wieder bedanke ich mich, halb in mein Handy vertieft, aber dennoch aufmerksam. Den Milchkaffee hat die Dame wohl vergessen und – Scheiße! – auch eine Serviette zum Brötchen. Sie ist so gestresst. Das lässt sie ihre Kunden spüren – so gestresst ist sie, dass ich mich kaum getraue, sie um eine Serviette zu bitten, aber schließlich tu ich’s doch, weil ich es als unaufmerksam und unhöflich empfinde, dass eine Kellnerin das Wesentliche, den guten Service, vergisst. – Aber: Sie vergisst ihn danach immer noch – sie wird ihn bis ans Ende unserer Begegnung vergessen. -

Ich habe meinen frisch gepressten Orangensaft getrunken und mein Brötchen gegessen, da bitte ich die Frau am Nebentisch, die mich inzwischen in ein Gespräch über den Hund verwickelt hat, für mich nochmal die Kellnerin zu rufen, weil ich noch einen Eiskaffee bestellen möchte.

„Sie wollen Zahlen?“ fragt diese.

„Nein, ich möchte noch einen Eiskaffee bestellen.“ Fast hätte ich mich dafür entschuldigt.

Dann gehe ich – mit klebrigen Händen und mich schmutzig im Gesicht fühlend - Richtung Toilette, denn schließlich möchte ich, sobald ich den Eiskaffee gegessen habe, nochmal mit meiner Hündin spazieren gehen. Auf dem Weg dorthin laufe ich frontal in das Tablett meiner heißgeliebten Kellnerin, fluche: „Gucken sollte man, wenn man kann.“ und gehe weiter.

Eine Mutter steht auf und zeigt mir den Toiletteneingang. Dort gibt es weder Toilettenpapier noch Papierhandtücher. Ob das bei den Kunden einen guten Eindruckhinterlässt?

Als ich wieder auf den Vorplatz trete und in die falsche Richtung laufe, brüllt die Kellnerin mich an - in dem typischen Tonfall, als wäre ich taub oder geistig zurück geblieben -: „Nein hier hin. In die andere Richtung müssen Sie. Sie laufen in die falsche Richtung. Hier hin!“

Wie soll ich den Tonfall beschreiben, der in mir diesen Eindruck hinterlässt: Überheblich, bevormundend, vorwurfsvoll, laut, auffällig, jedenfalls sehr unangenehm, sehr erniedrigend.

Zurück an meinem Tisch spüre ich, wie die Dame mich von unten anstarrt, ja mir fast mit ihrem Gesicht unter meinem Kinn hängt, während sie sagt: „Hier ist ihr Milchkaffee - Kakao –äh Eiskaffee.“ (wieder ohne Serviette).

Und während ich beginne, ihr die von mir erkannten Missstände aufzuzählen, bemerke ich, dass ich ein Selbstgespräch führe, weil die Kellnerin sich inzwischen desinteressiert von mir abgewandt und sich gehetzt einem anderen Kunden – fast wäre ich versucht, „Patienten“ zu schreiben - zugewandt hat.

„Scheißladen. Schlechter Service, Doof-Tusse!“ fluche ich – peinlich berührt durch diese erniedrigende Situation – vor mich hin. Wie sich später herausstellen wird, hat mein unaufmerksames Gegenüber in diesem Augenblick doch einen winzigen Hauch von Aufmerksamkeit für mich übrig und meinen Ärger durch ihr Rest-Ohr vernommen.

Nun bin ich endgültig auf 180, fühle mich entwürdigend und wie in einer Großküche behandelt: „Die kriegt kein Trinkgeld von mir.“, denke ich. „Soll ich einfach das Geld hin legen und gehen? Aber ich weiß ja gar nicht, wie viel ich zahlen muss.“

Meine Tischnachbarin, die eben noch mit Smokey geflirtet hat, scheint nicht mehr dazusein.

Nachdem ich meinen Eiskaffee zuende gegessen und getrunken habe, will ich nur noch weg aus der für mich viel zu sttressigen Athmosphäre. Ich denke: „Eigentlich könnte ich jetzt gehen, ohne zu zahlen.“ Aber hier geht das nicht, weil ich um die Ecke wohne und täglich - auf dem Weg zum Park - an dem Laden vorbei muss. Ich hebe die Hand, sage halblaut ja fast resignierend, weil denkend: „Die hört mich sowieso nicht.“: „Zahlen!“, und freue mich im nächsten Moment darüber, dass ein junger Mann hinter mir für mich schon meinen Wunsch an die Kellnerin weiterleitet.

Da steht sie auch schon und sagt (wieder in ihrem bevormundenden, entwürdigenden Ton): „6 Euro 70.“ Vielleicht auch noch „Bitte.“ Ob sie tatsächlich dieses Wort in den Mund genommen hat, kann ich später jedoch nicht mehr rekonstruieren.

Ich ergreife, während ich mein Geld hervor krame, die Gelegenheit, ihr nochmal meine kritischen Anmerkungen zu vermitteln: „Ich habe Sie zweimal gebeten, Servietten zu bringen.“

„Die habe ich dann wohl vergessen“, wirft sie ein.

Den vergessenen Milchkaffee, den ich längst nicht mehr trinken möchte, wage ich schon gar nicht mehr zu erwähnen. „Kein Clopapier auf der Toilette“, fahre ich fort, „keine Papierhandtücher...“

„Sind da. Ich hab geschaut. Clopapier steht oben, Papierhandtücher liegen auf dem Handtuchhalter. Da hat wohl jemand zu viele raus gezogen.“ Die Dame scheint nicht bereit, mir zuende zuzuhören.

„Dort habe ich nicht gesucht. Und es wäre doch normal, wenn man jemandem etwas zu essen bringt, Servietten dazuzulegen.“, füge ich hinzu, während sie mir die 30 Cent auf die 7 Euro vor die Nase legt.

„Ich habe keine Zeit“, sagt sie und wendet sich ab – genauso schnell oder noch schneller als zuvor. -

„Ein schlechter Service“, erwidere ich mit fester Stimme und höre noch ein angewidertes: „mpfff!“

Dann gehe ich zurück in den Park, froh darüber, diesem ungemütlichen Ambiente den Rücken gekehrt zu haben.